Ernst nehmen und zuhören: Barbara Stöckl im Interview

Mit ihren Sendungen und Reportagenund in ihrer Funktion als Ombudsfrau einer großen österreichischen Tageszeitung gibt sie Ungehörten eine Stimme. Soziales Engagement und Eigenverantwortung sind Barbara Stöckl wichtig. Warum sich das schnelle Lebenstempo auf die Seele auswirkt und man "unserer Generation“ mehr zuhören sollte.
Psychische Erkrankungen - viele Ältere Betroffen
Fast ein Drittel aller Österreicher durchläuft zumindest einmal im
Leben eine psychische Erkrankung. Etwa 900.000 Menschen
haben laut einer aktuellen Analyse (*) im Jahr 2009 ärztliche
Hilfe in Anspruch genommen, die Dunkelziffer liegt wohl weit
darüber. Ein Großteil scheut sich, professionelle Unterstützung zu
suchen und auch anzunehmen. Mehr als die Hälfte der Erkrankten sind
über 60 Jahre alt. Die Diagnose einer psychischen Erkrankung ist in
32 Prozent Mobilität und der Abnahme kognitiver Fähigkeiten durch
entsprechende Krankheiten.
Angst vor Ausgrenzung
Noch immer wird die Diagnose einer psychischen Erkrankung in der
Gesellschaft tabuisiert, haben Betroffene Angst, ausgegrenzt und
"abgestempelt“ zu werden. Ein offener Umgang und eine
bewusste Auseinandersetzung mit seelischen Erkrankungen tragen
jedoch wesentlich zu einer Verbesserung der Früherkennung und
Therapie und somit zu mehr Lebensqualität für viele Betroffene
bei.
Darüber sprechen
Die Initiative Ganznormal.at
möchte darauf aufmerksam machen, dass man für das Wohlbefinden der
Seele genauso selbstverständlich einen Arzt aufsuchen und Vorsorge
treffen sollte, wie man es im Falle einer körperlichen Erkrankung
tun würde. Das Tabu, über seelische Erkrankungen zu sprechen, sich
Hilfe zu suchen, soll gebrochen werden. Prominente Botschafterin
und Mitkämpferin der Initiative ist die beliebte TV-Moderatorin
Barbara Stöckl.
Seniorkom.at: Psychische Erkrankungen nehmen zu – auch bei
älteren Menschen. Sie selbst sind im Personenkomitee der Initiative
Ganznormal.at. Warum ist es Ihnen persönlich wichtig, diese zu
unterstützen?
Barbara Stöckl: Diesen Bereich muss man
enttabuisieren. Ich denke, dass bei diesem enormen Tempo, mit dem
wir alle Schritt halten müssen, die Seele einfach nicht mehr
mitkommt. Das ist mit ein Grund, warum psychische Probleme
zunehmen. Wir "packen“ diese Art des Lebens eigentlich nicht
mehr, kommen nicht mehr mit. Durch die technischen Errungenschaften
zerreißt es uns förmlich – und das spürt die Seele. Was bei
vielen – vor allem auch älteren Menschen – oft
vorkommt, ist, dass der Beruf des Psychiaters oder Psychologen wie
auch seelische Erkrankungen tabuisiert sind. Das gilt es
aufzubrechen, zu sagen: "Sprich darüber.“ Und: "Nimm jede
Hilfe an, die du brauchst!“ Das ist mir die wichtigste
Botschaft bei Ganznormal.at. Man kann darüber reden. Es ist
selbstverständlich, dass man etwas für den Körper tut. Dass wir
unsere Seele pflegen, gesund halten, sollte ebenso normal
sein.
Eine psychische Erkrankung ist nicht so leicht mit einem
Schnupfen vergleichbar. Umfeld, Familie sind betroffen. Die
Erkrankung dauert nicht nur drei Wochen. Manchmal begleitet sie
einen ein ganzes Leben lang …
Stöckl: Man kann das nicht über einen Kamm scheren:
Es gibt sozusagen den "seelischen Schnupfen“ und es gibt die
schwere seelische Krankheit. Wir reden in der Initiative
Ganznormal.at von der ganzen Bandbreite, weil wir die
grundsätzliche Problematik einmal aufgreifen und aufzeigen wollen.
Für einen seelischen Schnupfen reicht ja auch manchmal das Gespräch
mit einer guten Freundin und man fühlt sich besser! Ich glaube, es
ist wichtig, psychische Erkrankungen nicht zu verharmlosen. –
Es ist aber auch auf der anderen Seite wichtig, sie nicht zu
dramatisieren.
Wie wichtig ist Ihnen soziales Engagement?
Stöckl: So wie es jedem wichtig ist, dem es besser
geht und der darüber nachdenkt, was man tun kann. Für mich ist ganz
klar, dass man etwas zurückgibt, wenn man selbst Glück hat, also
einen Ausgleich schafft. So sehe ich z. B. auch die Diskussion um
die Reichensteuer: Wer soll denn sonst etwas geben? Jene etwa, die
nichts haben? Es geht dabei nicht nur um finanzielle Möglichkeiten,
sondern auch um Zuwendung. Darum, Menschen ernst zu nehmen. Gerade
von der Politik wünsche ich mir manchmal mehr "Draht zu den
Menschen“. Es geht darum, hinzuschauen und Menschen in
Problemlagen aller Art Zeit zu widmen. Dafür braucht man manchmal
nur vor die Haustür zu schauen. Klingeln Sie einmal bei Ihrem
einsamen Nachbarn und reden Sie mit ihm! Wenn man diese Kraft
entwickelt, auch füreinander Verantwortung zu tragen, dann ist
schon viel getan.
Stichwort "ernst nehmen“: Sie sind eine DER beliebtesten
TV-Moderatorinnen Österreichs, erhielten drei Mal die Romy –
was ist das Geheimnis von Barbara Stöckl, dass sie so viele
Menschen erreicht?
Stöckl: Vielleicht, weil ich mich selber nicht in den
Vordergrund stelle, zuhören kann und auch will. Menschen wollen
ernst genommen werden, immerhin gibt man in einem persönlichen
Gespräch auch etwas von sich her. Davor habe ich Hochachtung und
Respekt – noch dazu bei Menschen, die durch eine Krise
gegangen sind, Schicksalsschläge erfahren haben.
In Ihrem Publikum sind viele aus "unserer Generation“
…
Stöckl: Große Lebensgeschichten von alten Menschen
sind für mich einfach Schätze – in vielerlei Hinsicht. Gerade
bei "Stöckl am Samstag“ oder "Stöckl live“ porträtieren
wir Leute mit besonderen Lebenswegen oder Erfahrungen. Ältere haben
etwas erlebt, etwas zu erzählen – und sie kennen vor allem
nicht nur den Aufstieg, sondern auch Lebenskrisen. Deshalb gibt es
unter den Älteren einfach auch so viele Menschen, die uns aus einem
reichen Leben erzählen können. Oft sitze ich daneben und staune.
Ich hatte in meiner Funktion als Ombudsfrau den Fall eines
89-jährigen Mannes, der darum kämpfte, eine Freundin, die im
Pflegeheim war und besachwaltert wurde, zu sich zu holen. "Ich habe
ein schönes Haus und einen Garten. Warum soll sie im Pflegeheim
bleiben, wenn ich für sie da sein kann und will?“ Das war ein
langer Kampf, bei dem ich ihn unterstützt habe und der letztendlich
erfolgreich war. Ich habe diesen Mann danach immer wieder angerufen
– er hatte so viel zu sagen. Das berührt mich sehr.
Das ist jenes Ernstnehmen, das Sie eingangs erwähnten. Hört man
Älteren zu wenig zu?
Stöckl: Ich merke das auch sehr stark in meiner
Funktion als Ombudsfrau. Es gibt viele Fälle, bei denen man
tatsächlich etwas bewegen, Menschen helfen kann. Und manchmal geht
es auch nicht. Doch oft sagen mir die Leute einfach: "Aber Sie
hören mir zu, Sie reden mit mir!“ Nennen wir es ruhig
Seelsorge. Man sollte nie vergessen: Diese Menschen haben alle
etwas geleistet und geschafft – und plötzlich werden sie
weggeschoben und keiner interessiert sich mehr für sie.
Manche beschreiben dies mit unsichtbar werden …
Stöckl: Ja, richtig! Also, diese Mischung aus
Unsichtbarsein und Nicht-mehr-gebraucht-Werden ist eine so bittere
und schwierige. Ich möchte mit meinen Reportagen oder Sendungen
verdeutlichen: "Das sind großartige Menschen – sie geben all
diese Erfahrungen und Schätze wieder, damit wir etwas damit tun
können!“ Natürlich sind wir in einer Welt, in der es heißt:
alles jung, alles neu, alles schnell und flexibel – das ist
auch in Ordnung. Ich denke, dass dies alles nur dann Bestand hat,
wenn es auf der anderen Seite auch diesen Erfahrungsschatz gibt,
diese Beständigkeit und auch die Tradition. Da kann man lang
diskutieren, dass Leute länger arbeiten müssen, aber wir müssen es
auch gesellschaftlich hinbekommen, ältere Menschen länger zu
integrieren.
Die Bedingungen sind jedoch nicht immer vorzufinden
…
Stöckl: Ja, ich denke, es hat etwas mit Tempo zu tun.
Das Tempo älterer Menschen ist naturgemäß langsamer als jenes von
Mittzwanzigern. Wir müssen bereit sein, dieses Tempo mitzugehen,
wenn wir alte Leute verstehen, ihnen zuhören wollen. Und darum
geht’s: zuhören und sich Zeit nehmen. Das geht dann nicht
schnell, schnell. Letzten Sommer hat mir eine Hundertjährige
geschrieben: Sie hat niemanden, dem sie ihr Leben erzählen kann und
möchte es so gerne. Sie wollte einfach nur, dass es bleibt, dass
man weiß, was da alles war. Ich war gerade in der größten Hektik
und meinte: "Wissen Sie was? Ich nehme mir im Urlaub einen halben
Tag Zeit und komme zu Ihnen!“ Sie hatte dieses Gefühl: "Mein
Leben ist doch ein Schatz und das ist doch wichtig – und ich
möchte, dass das irgendjemand weiß.“
Damit es nicht verloren geht.
Stöckl: Stimmt. Ich finde, es bereichert auch
nachfolgende Generationen immens. Geschichten und Erlebnisse, die
nicht verloren gehen dürfen – man muss wissen, was da war,
wie die Zeit damals war. Es gibt und gab so viele große Menschen in
diesem Land, dass es wichtig ist, dies zu bewahren und es
weiterzuerzählen. Zum einen gilt es die Großartigkeit solcher Leben
darzustellen, zum anderen sich den Problemen der älteren Generation
zu widmen und ihr das Leben zu erleichtern, es schöner zu
machen.
Stöckl am Samstag - nächste Sendungen:
ORF 2, 16 Uhr
11. Februar 2012
"Wenn der Partner krank ist"
25. Februar 2012
"Meine Mutter"
Für eine Therapie ist es nie zu spät! Stellen, wo Sie sich im
Notfall hinwenden können und weiterführende
Informationen:
Österreichische Krisennotrufnummer – Hilfe in
Lebenskrisen:
Tel.: 142, 0–24 Uhr, kostenlos vom Festnetz und von allen
Handyanbietern Gesprächsunterstützung in Krisen, bei Problemen, zur
Entlastung
www.telefonseelsorge.at
Notfallpsychologischer Dienst Österreich:
Tel.: 0699/188 55 400, 0–24 Uhr
www.notfallpsychologie.at
www.ganznormal.at
Internetseite der Initiative Ganznormal.at mit zahlreichen
Service- und Notrufnummern zum Thema psychische Gesundheit
PVÖ-Lebenshilfe (für PVÖ-Mitglieder)
Mag. Erika Torner
Jeden Mittwoch, 14–16 Uhr
Terminvereinbarung unter Tel.: 01/313 72-17
www.pvoe.at
Weiterempfehlen
Drucken
Quelle: UG 02/12, Michaela Görlich, Foto: Mirjam Reither;
(*) Studie "Ist-Analyse: Psychische Gesundheit“,
Hauptverband der Österreichischen Sozialversicherungsträger
2011











