"Der rote Faden" Teil 1

23.06.2005
Lebenserinnerungen von Kurwenal (Harald Kraneis)
Also sagte mein Zwillingsbruder zu mir im Mutterleib: "Jetzt ist
es Zeit. Ich will raus. Ich aber bin der Erste.“ Diese Worte
noch vor meiner Geburt sollten mein ganzes Leben beeinflussen.
Immer hieß es: "Harald, mach mal! Harald, tu dies, tu
das!“
Deshalb ist mein Bruder wohl auch als erstes gestorben.
Bis zum heutigen Tage habe ich immer noch das Gefühl, aus dem
Mutterleib geworfen worden zu sein.
Ja, die ersten Erinnerungen liegen naturgemäß im Dunklen. Da konnte
ich mich nur auf die Mitteilungen meiner Mutter berufen. Natürlich
hatte ich auch einen Vater, der war aber nie der Mittelpunkt meines
Lebens. Aber ich sollte erkennen, dass er doch eine wichtige
Funktion hatte und mich und meine Entwicklung beeinflusste.
Mein Bruder und ich waren uns als Zwillinge so ähnlich, dass man
bei späteren Untersuchungen von eineiigen Zwillingen ausgehen
musste. Zunächst war es so, dass meine Eltern uns nur durch zwei
farbig verschiedene Bändchen an den Handgelenken unterscheiden
konnten. Da meine Mutter nicht genug Muttermilch für zwei Babys
hatte, kam immer eine Amme ins Haus und einer von uns beiden
schlief immer beim Trinken ein (vielleicht war ich es ja, da ich
noch heute immer recht müde bin).
Die ersten konkreten Erinnerungen liegen im Alter von zwei bis drei
Jahren. Wir wohnten damals in Hamburg und hatten ein so genanntes
"Berliner Zimmer“, das heißt, dass dieses Zimmer keine
Fenster besaß, so dass wir eigentlich immer in völliger Dunkelheit
schlafen mussten und ich so schon in diesem jungen Alter begann,
Ängste zu entwickeln. Der Lichtschalter war an dem Bett meines
Zwillingsbruders und wenn wir uns fürchteten, sagte Walter, so hieß
mein Bruder: "Harald, mach mal das Licht an!“ Obwohl der
Schalter ja am Ende seines Bettes war und er somit viel dichter
dran gewesen wäre. Aber da ich der Zweite bin, tat ich es und so
blieb es. Noch ein Beispiel: Wenn meine Eltern abends mal weggingen
und wir alleine zuhause waren, so merkten wir es nach kurzer Zeit.
Um sicherzugehen, dass sie wirklich weg waren, war ich es, der von
Walter beauftragt wurde nach ihnen im Wohnzimmer, im Schlafzimmer,
in der Küche und sogar in der Toilette zu schauen, wodurch sich
meine Ängste noch verstärkten.
Da unsere Großmutter in der Wohnung unter uns wohnte, versuchten
wir, sie auf uns aufmerksam zu machen. Aber meine Großmutter ist
ein besonderes Kapitel, auf das ich später eingehen werde.
Als ich so gegen 3 oder 4 Jahre alt war, entwickelte ich eine
Vorliebe für Uhren. Diese Liebe hält bis heute an, denn ich
schreibe meine Erinnerungen mit 73 Jahren, da ich erst jetzt einen
PC besitze. Ganz in unserer Nähe am Eilbekerweg war die
Versöhnungskirche, in der mein Bruder und ich 1936 getauft wurden.
Als Kleinkind ist ja die räumliche Perspektive andern als bei
Erwachsenen. Mir kam das Zifferblatt des Turmes und der Turm selber
riesengroß vor, ich blickte ganz ängstlich, musste jedoch immer
wieder hinsehen. Man sagte uns später, dass wir mit einem Wecker
immer auf der Strasse hin- und herliefen, wobei der Wecker
läutete.
Auch in der Wohnung meiner Großeltern, die im zweiten Stock als
Hausbesitzer wohnten, war eine wunderschöne schwere Standuhr mit
Westminsterschlagwerk, und wenn sie schlug mit schwerem dunklen
Klang versteckte ich mich immer unter dem massiven Eichentisch im
Wohnzimmer.
Ach ja mein Großvater …. er war Kapitän bei der kaiserlichen
Marine und brachte sich aus den Tropen Malaria mit, was oft zu
Anfällen führte. Aber er konnte so herrlich erzählen von seinen
Reisen. Wir saßen dann neben ihm und oft schlief er ein und wurde
von uns geweckt. Durch den afrikanischen Busch nur mit einer Fackel
ausgerüstet nachts durch den Urwald fanden wir beide toll.
Es gab auch viele ungewöhnliche Erinnerungen an diese Zeit, aber
1943 bei den schweren Luftangriffen auf Hamburg wurde auch der
Grundbesitz meines Großvaters zerstört, wie bei so vielen Menschen
in diesem furchtbaren Krieg.
Sein Leben war auch ungewöhnlich. Als 1923 die Inflation jeden
Rekord brach und man in einer Stunde Milliardär war und trotzdem
immer ärmer wurde, ging mein Großvater Robert Köllner abends nach
dem Hamburger Hafenviertel – keiner wusste was er dort
machte, kam jedoch morgens mit Dollarscheinen in der Tasche zurück
und das Geschäft konnte weiter existieren. Mein Großvater konnte
aber auch leider jähzornig werden, diese Veranlagung hatte mein
inzwischen verstorbener Zwillingsbruder Walter wohl geerbt, was
auch zwischen uns beiden oft zu Streitereien führte.
Noch ein Wort über meine Großmutter. Meine Großeltern hatten
nebenbei noch einen Straßenhandel mit Obst und so kam es, dass wir
auch ab und zu etwas Obst aßen. Dann kam abends meine Großmutter zu
meiner Mutter und sagte: "Klärchen, ich bekomme noch 75 Pfennige
von dir.“ Worauf meine Mutter fragte: "Warum?“ Die
Antwort war stets dieselbe: "Deine Kinder haben bei mir Obst
gegessen.“ Diese Kleinigkeit ist mir bis heute im Gedächtnis
geblieben.
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zweiten Teil
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Quelle: Kurwenal - Seniorkom Hobby Redakteur
4 Kommentar(e)
herbert, 23.06.2005 11:57
Lieber Kurwenal
ich hoffe Sie hören nicht mehr auf zu erzählen. Unglaublich spannend und sehr gut Formuliert, diese hanseatische Familiensaga. Toll, toll, toll
Lemmie, 27.06.2005 12:11
Erinnerungen
Lieber Kurwenal!
Ich liebe solche Lebenserinnerungen. Schon als Kind war ich
begierige Zuhörerin, wenn von früher erzählt wurde.
Danke
Lemmie
sternenstaub, 29.06.2005 21:56
lebenserinnerungen
Stilistisch sehr gut erzählt und eine berührende Geschichte












Christina, 23.06.2005 11:30
Lieber Kurwenal
Toll geschrieben und toll zu lesen. Ich freue mich schon auf den nächsten Teil. Danke, dass du uns deine Lebenserinnerungen geschickt hast.
lg
deine Christina