Schatten in der Seele

Pensionsschock, Verlust oder Tod eines geliebten Partners und von Freunden, Krankheit, Einsamkeit und Vergesslichkeit – einschneidende Situationen, die der Psyche im "Herbst des Lebens“ schwer zusetzen.
Fast ein Drittel aller Österreicherinnen und Österreicher
durchläuft zumindest einmal im Leben eine psychische
Erkrankung. Etwa 900.000 Menschen haben laut einer aktuellen
Analyse (*) im Jahr 2009 ärztliche Hilfe angenommen, die
Dunkelziffer liegt wohl weit darüber. Denn ein Großteil scheut den
Weg, professionelle Unterstützung zu suchen und auch
anzunehmen.
Noch immer wird die Diagnose einer psychischen Erkrankung in der
Gesellschaft tabuisiert, haben Betroffene Angst, ausgegrenzt
und "abgestempelt“ zu werden. Ein offener Umgang und eine
bewusste Auseinandersetzungmit seelischen Erkrankungen würde einen
wesentlichen Schritt zur Verbesserung von Früherkennung und
Therapie und mehr Lebensqualität für viele Betroffene
bedeuten.
Viele Ältere sind betroffen
Überraschend ist laut der Analyse auch, dass mehr als die Hälfte
der Erkrankten über 60 Jahre alt ist. Die Diagnose einer
psychischen Erkrankung ist bei 32 Prozent der Fälle die Ursache für
eine krankheitsbedingte Frühpensionierung. Aber nicht nur
veränderte Bedingungen und Druck in der Arbeitswelt oder der
Eintritt in die Pension und der damit verbundene Verlust an
Bedeutung in einem Arbeits- und sozialen Umfeld machen der Seele zu
schaffen. Gerade im "goldenen Herbst des Lebens“ sind wir oft
mit einschneidenden Lebenssituationen konfrontiert, die seelische
Krisen und Erkrankungen auslösen können: der Verlust des Partners
oder von Freunden, eine chronische Erkrankung, eingeschränkte
Mobilität und die Abnahme kognitiver Fähigkeiten.
Volkskrankheit Depression
Bis zum Jahr 2030 soll sich laut Schätzungen amerikanischer Studien
die Depression zu einer neuen Volkskrankheit entwickelt haben, die
an erster Stelle vor "klassischen“ Erkrankungen wie
z. B. Störungen des Herz- und Kreislaufsystems liegen wird. Der
französische Soziologe Alain Ehrenberg spricht in seinem
gleichnamigen Buch recht treffend von einem "erschöpften
Selbst“ und Menschen, die an dem in der Gesellschaft gültigen
Spannungsfeld aus Eigenverantwortung, ständiger
Selbstverwirklichung und Glücksmaxime scheitern.
Nur mehr lustlos
Eine Depression äußert sich in einer verstärkten Interessens- und
Lustlosigkeit, unbegründeter Traurigkeit. Das Gefühl von Einsamkeit
und Ängstlichkeit und Durchschlafstörungen sind ständige Begleiter.
Betroffene sind grüblerisch, haben ausgeprägte Schuldgefühle und
leiden an permanenter Energie- und Kraftlosigkeit bis hin zu
vollkommener Antriebslosigkeit. Der Tod wird als eine mögliche
Erlösung empfunden, Suizidgedanken verstärken sich. Neben
einschneidenden, belastenden Erlebnissen kann die Ursache für die
Entwicklung einer Depression in älteren Jahren auch ein durch den
natürlichen Alterungsprozess bedingter, veränderter
Hirnstoffwechsel, eine körperliche Erkrankung, der Mangel an
Nährstoffen wie Vitamin B12 und Folsäure oder die Wirkung
bestimmter Medikamente sein.
Auf Aktivitäten setzen
Eine Depression ist wie ein Schnupfen, sie lässt sich heilen.
Jedoch kann sie wie auch die Verkühlung immer wieder einmal
auftreten. Je nach Schwere des Krankheitsbildes wird die Depression
durch die Gabe von Antidepressiva und/oder eine Psychotherapie
behandelt. Erst nach zwei bis vier Wochen tritt die Wirkung der
Medikamente ein. Die Medikation sollte zumindest sechs Monate
durchgeführt werden, um die Krankheit vollständig auszuheilen. In
der Psychotherapie setzt man auf einen bewussten Aufbau von
Aktivitäten und sinnstiftenden Tätigkeiten, auch die
Genussfähigkeit soll durch entsprechende Maßnahmen wiedererlangt
werden. Wichtig ist es, das soziale Umfeld miteinzubeziehen und
Kontakte zu anderen Menschen zu fördern. Betroffene sollen aktiv
ihre Isolation durchbrechen.
Bin ich nur vergesslich?
Den Schlüssel einmal verlegt zu haben und sich nicht gleich wieder
erinnern zu können wo er ist, ist noch lange kein Anzeichen für das
Vorliegen einer demenziellen Störung. Mit dem natürlichen
Alterungsprozess des Gehirns nehmen auch unsere kognitiven
Fähigkeiten ab. Wir leben dank medizinischer Forschung und
Fortschritt heute länger – und bei entsprechender Vorsorge
auch relativ gesund. Doch das Risiko an Demenz zu erkranken steigt
im höheren Alter stärker an: Bei über 80-Jährigen sind es zwischen
13 bis 20 Prozent, bei über 90-Jährigen über 30 Prozent, die
betroffen sind. Etwa 108.000 Menschen sind derzeit in Österreich an
einer demenziellen Störung erkrankt, bis zum Jahr 2050 sollen es
über 260.000 sein (**).
Demenz verändert
Gedächtnisleistung und Denkvermögen nehmen vermehrt ab: Man
vergisst Namen, Nummern, Ereignisse oder verlegt ständig
Gegenstände. Anfangs versucht der Betroffene seine
"Schwächen“ noch zu kaschieren. Gerade in dieser Phase ist
Vielen die Veränderung bewusst, man ist niedergeschlagen,
depressive Anzeichen können dieses "Sich-nicht-mehr
selbst-verstehen-Können“ begleiten. Mit Fortschreiten der
Erkrankung verstärkt sich der Verlust der räumlichen und zeitlichen
Orientierung. Motorik und Sprachausdruck schränken sich ein,
Verwirrtheit (Delir) kann zu einem Begleitsymptom werden. Wir
verlieren das, was wir "unsere Persönlichkeit“ nennen.
Früherekennung wichtig
Bei demenziellen Erkrankungen kann bei entsprechender früher
Diagnose der Fortschritt der Erkrankung eingeschränkt werden oder
manchem auch "erspart“ bleiben. Nimmt die Gedächtnisleistung
merklich ab, sollte man rasch eine ärztliche Abklärung
herbeiführen. Die Formen von Demenzerkrankungen sind vielfältig,
die häufigste ist die Alzheimer- Krankheit, gefolgt von der
vaskulären Demenz, die auf einer Durchblutungsstörung des Gehirns
basiert. Risikofaktoren sind neben Alter und Geschlecht –
Frauen sind häufiger betroffen – unbehandelter Bluthochdruck,
erhöhtes LDL-Cholesterin und unbehandelter Diabetes. Durch eine
entsprechende Gesundheitsvorsorge, Bewegung und geistige Forderung,
wie Neues zu erlernen, oder Hobbys, die wir mit anderen teilen, und
soziale Kontakte aufrecht erhalten, trainieren wir unser Gehirn und
geben ihm die Chance, länger "fit“ und leistungsfähig zu
bleiben.
Die Einsamkeitsfalle
Doch nicht nur die Sorge um die eigene Gesundheit und geistigen
Fähigkeiten setzen der Seele zu. Der Verlust des geliebten Partners
oder enger Freunde lassen viele in ein "schwarzes Loch“
fallen. Durch den Tod von Nahestehenden werden eigene soziale
Kontakte nicht nur eingeschränkt oder brechen plötzlich ab, man ist
auch mit der eigenen Endlichkeit konfrontiert. Viele ältere
Menschen ziehen sich in diesen Situationen gänzlich von ihrer
Umwelt zurück. Immer mehr schleicht sich das Gefühl der
erdrückenden Einsamkeit ein. Die Seele braucht Raum und Zeit, um
den Verlust eines lieben Menschen entsprechend zu verarbeiten, man
tut ihr jedoch nichts Gutes, wenn man sich in komplette Isolation
zurückzieht.
Neugierig bleiben
Es gibt übrigens keine Altersgrenze, um Hilfe bei psychischen
Erkrankungen zu suchen. Doch wir können auch Wesentliches selbst
tun, damit unsere Seele gesund bleibt: Neugierig auf Neues zu
bleiben, unternehmungslustig sein und Kontakte zu pflegen sind
"Balsam für die Seele“. Das ist nicht vom Alter abhängig
– sondern von unserem eigenen Zutun.
Zehn Schritte für eine gesunde Psyche (***)
- Sich selbst annehmen. Niemand ist perfekt! Betonen Sie Ihre Talente und Stärken.
- Darüber reden. Probleme zu schlucken kann "ersticken“. Darüber zu reden macht es auch anderen leichter, Sie zu verstehen!
- Aktiv bleiben. Körperliche Betätigung wie z. B. ein Spaziergang ist ein wichtiger Ausgleich.
- Neues lernen. Gibt dem Leben positive Impulse und steigert das eigene Selbswertgefühl.
- In Kontakt bleiben. Ein Netzwerk an Freunden kann bei Krisen hilfreich sein. Freundschaft muss auch gepflegt werden!
- Etwas Kreatives tun. Was uns beschäftigt, ist manchmal schwer in Worte zu fassen: Kreatives wie Malen oder Schreiben kann es sichtbar machen.
- Sich beteiligen. Teil einer Gemeinschaft werden, die zusammenhält – z. B. in einem Verein, der Ihre Interessen teilt.
- Um Hilfe fragen. Hilfe anzunehmen ist ein Zeichen von Kraft und Mut, sich seinen Problemen zu stellen.
- Sich entspannen. Bewusste Pausen oder Ein- und Ausatmen sorgen für innere Balance.
- Sich nicht aufgeben. Schicksalsschläge, Schocks und Trauer brauchen Raum und Zeit, um emotional verdaut zu werden. Professionelle Hilfe kann ein "Rettungsring“ sein.
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Quelle: Guide 50 plus, Michaela Görlich, Foto: Gerd
Altmann /pixelio.de, Pixelio.de
(*) Studie "Ist-Analyse: Psychische Gesundheit“, Hauptverband
der Österreichischen Sozialversicherungsträger 2011; (**) Erster
Österreichischer Demenzbericht 2009; (***) Pro Mente













Elihu, 03.02.2012 12:04
Noch immer wird die Diagnose einer psychischen Erkrankung in der Gesellschaft tabuisiert!
Das liegt wohl vor Allem daran, dass die Politik es seit Sigmund Freud nicht schaffte, psychische Krankheiten wie somatische Erkrankungen zu betrachten, Damit meine ich, noch immer zahlen die Krankenkassen nicht oder nur vermindert für solche Erkrankungen!
Sprüche wie: "Jeder hat so seine Probleme", oder: "Mir geht es auch nicht immer gut, aber da muss man durch", sind eine Folge des gesellschaftsPOLITISCHEN Versagens.