Impressionen aus der Intensivstation

20.11.2006

Drei Tage lag ich – ach wie kläglich –
im Intensivbett unbeweglich,
geplagt von Alpträumen, in denen
es ging ums Sterben, nicht ums Leben.

Ich rang nach Luft, war überzeugt,
dass alles, was da kreucht und fleucht,
als erstes Ziel hat angesehen,
mir die Gurgel umzudrehen.
Die Ärzte sah’ in meinem Wahn
ich auch als Meuchelmörder an.
Die Schwester, ihnen gut bekannt,
schien mir der Waffenlieferant.
Kommunizieren konnt’ ich nicht
da war ein "Knebel“ im Gesicht.
(Inzwischen ist mir sonnenklar,
der "Knebel“ eine Maske war)
Ich wollte bitten, wollte flehen:
Lasst mich doch durch den Tunnel gehen!
Doch jedes Mal, wenn ich versucht’
zu Wolke 7 die große Flucht,
drang eine Stimme an mein Ohr,
die energisch mich beschwor:
"Frau Eder, sagen Sie sofort,
wo Sie jetzt sind, an welchem Ort?“
Obwohl mein Hirn total verwirrt
hab ich nach zweimal schon kapiert,
sagst: Intensiv und Vöcklabruck,
hast wieder Ruh, das ist genug!

Viel weiß ich nicht aus diesen Tagen
Doch hörte ich mal jemand sagen:
"Ganz egal, was wir probieren,
das X lässt sich nicht reduzieren.
Macht Schluss mit dieser Quälerei!“
Und kurz darauf fühlt’ ich mich frei.
Kein "Maulkorb“, keine "Kopfverschnürung“,
die Nase ohne "Feindberührung“,
ein Wimpernschlag sogar gelang
zur großen Uhr links an der Wand.
Davon erschöpft und gar nicht munter
Taucht’ ich im Traumland wieder unter.
Doch starrköpfig wie ich mal bin,
erwachte jetzt mein Lebenssinn.
Just, weil es ihm nicht mehr befohlen,
begann mein Hirn sich zu erholen.
Verblüffung auch bei Arzt und Schwester
Der X-Wert wird auf einmal besser.
Vielleicht hat doch die Freundin recht,
die sagt: ins Schema passt sie schlecht.
Sie ist wie Unkraut, kämpft verbissen,
im Lehrbuch wird man aber missen,
die Art, wie sie mit Krankheit umgeht,
die heißt schlicht "Gabi-Qualität“.
Nicht wie’s auf Unis brav gelehrt,
meistens ins Gegenteil gekehrt.

Mein "Augen - auf“ dauerte bald länger,
doch im Gemüte wurd’ mir bänger,
da ständig die Entscheidungsqual:
Was ist noch(Alp)Traum? Was real?
Die Ärzte, höflich formuliert:
"Sie sind noch desorientiert,
Frau Eder. Doch in einem Jahr
sehen und denken sie wieder klar!“
Den Charme gab’s bei den Söhnen nicht.
Die grinsten mir nur ins Gesicht:
"Bist noch plemplem, liebe Mama,
das gibt sich. Wichtig, du bist da!
So wie wir dich seit Jahren kennen
dauert’s nicht lange und wir rennen
mit Listen, lang wie Esplanaden,
wo drauf steht, wie es Euer Gnaden
am liebsten hätt mit Katz und Hund,
mit Blumen, Garten, Wohnung und
was ihr noch fehlt an Zubehör
für den "Erholungsurlaub“ hier.“

Bergauf ging’s schon, doch leider nur
im Schneckentempo/Hürdenspur.
Probleme gab’s sowohl beim Sehen,
als auch beim Hören oder Gehen.
Die grauen Zellen allesamt,
sie waren außer Rand und Band;
schickten Signale hin und her
als wär’ mein Hirn ein Kreisverkehr.
Gedächtnis, Wortschatz – welch ein Schreck! -
Im Kopf nur Leere! Alles weg!
Ganz egal an welchen Stellen
die vermissten grauen Zellen
gefunden hatten ihr Versteck -
ich hab es leider nicht entdeckt.
Computer, Monitore gab’s zuhauf
Doch leider schien auf keinem auf
wo sich die Fähigkeiten finden,
die, unbemerkt von dir, verschwinden,
während du bewusstlos liegst
und nicht merkst, was dir geschieht.

Wer so wie ich genächtigt schon
in dieser Intensivstation -
stimmt beim Abschied von "Suite neun“
gerne in mein Loblied ein:
"Es war sehr schön, hat uns gefreut!
Es fehlt nur eine Kleinigkeit
zum vollkommenen Patientenglück:
Ein Fundamt, das uns gibt zurück,
was wir an Fertigkeit und Wissen
nach diesem Aufenthalt vermissen.
Doch so wie diese Intensiv -
engagiert, innovativ -
wird es sicher wem gelingen
auch dieses Service zu erfinden.
Damit beim Abschied – ohne Tränen-
s’fehlende Hirn wir auch mitnehmen.
Dankbar widmen wir dann gern
diesem "Hotel“ den fünften Stern.

Weiterempfehlen Drucken Quelle: Gabi Eder - Seniorkom Hobby Redakteurin

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