"Der rote Faden" Teil 3

Meine Eltern in der Wohnung in Lübeck.

21.07.2005

Lebenserinnerungen von Kurwenal (Harald Kraneis)

Zum Nachlesen:
Teil 1
Teil 2

So zogen die Tage ins Land. Inzwischen war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen, der für jeden von uns große Einschnitte mit sich brachte. So erlebte Lübeck 1942 einen der ersten großen Bombenangriffe auf eine deutsche Stadt.

An diesem Abend wären mein Bruder und ich beinahe Vollwaisen geworden. Mein Vater hatte einen Skatclub und an besagtem Abend sollten meine Eltern in die Innenstadt kommen. Aber aus einem unerklärlichen Grund, hatte mein Vater abgesagt und diese Entscheidung rettete sowohl ihm, als auch meiner Mutter das Leben. Alle in dem Skatclub anwesenden Personen starben qualvoll an einer Kohlengasvergiftung.

Über die Schrecken des Luftkrieges möchte ich mich hier nicht im Einzelnen auslassen, dies haben viele Autoren vor mir schon getan und es ist inzwischen allgemein bekannt.

Aufgrund des Angriffes verbrachten meine Mutter, mein Bruder und ich ein Vierteljahr bei Verwandten in Mitteldeutschland. Mein Vater blieb in Lübeck, da er noch bis zu seiner Einberufung, berufstätig gewesen war.

Mein Vater war Geschäftsführer einer gesetzlichen Krankenversicherung, und das Büro war durch die Bomben total zerstört. Unter großen Schwierigkeiten gelang es ihm jedoch innerhalb einer Woche in einem stehen gebliebenen Haus in der Königsstrasse ein Notquartier zu eröffnen. Dies hat wohl die Kassenleitung bewogen meinen Vater für das Kriegsverdienstkreuz 2 Klasse vorzuschlagen, das ihm noch im selben Jahr verliehen wurde. Dieses Kreuz haben wir nach 1945 vernichtet.

In Mitteldeutschland wollte niemand unseren Berichten von den Bobenangriffen auf Lübeck Glauben schenken, da hier die Bombardierung erst 1943 begann.

Eine Begebenheit möchte ich noch erzählen, die mir viel Ärger einbrachte: Ab Anfang 1944 hörten wir immer die BBC, obwohl das Abhören von Feindsendern unter der Androhung der Todesstrafe verboten war. Wir mussten das Radiogerät so leise stellen, dass wir kaum etwas verstanden. Die Angst hörte ständig mit. Dadurch wussten wir immer Bescheid welche deutschen Städte bombardiert wurden, der Wehrmachtsbericht gab nämlich nur allgemeine Berichte zum Besten. So kam ich eines Morgens in die Klasse und sang in Abänderung eines damals bekannten Schlagers: "Bomben, Bomben, Bomben auf Deutschland.“ Kaum hatte ich geendet ging der Ärger auch schon los. Zu meiner Rechtfertigung konnte ich nur sagen: "Es stimmt ja.“ Ich wurde vorgeladen zur Deutschen Jugendführung in Lübeck, wo ich dann in sofern bestraft wurde, dass ich den Knoten vom Halstuch nicht mehr tragen durfte. Zur Wehrmachtsertüchtigung musste ich allerdings trotzdem antreten. Ich kann wohl sagen, dass ich da noch einmal Glück gehabt habe, so eine vergleichsweise milde Strafe zu erfahren.

An zwei Sachen erinnere ich mich noch, bevor ich auf 1945 zu sprechen komme:

Eines Tages im Mai 1943, als wir aus der Schule kamen, fanden wir unsere Mutter in Tränen aufgelöst. Der Grund war, dass mein Vater nun mit seinen 42 Jahren nun auch einberufen worden war und zur Infanterieschnellausbildung nach Lüneburg kam. Später kam er an der Kanalküste in englische Kriegsgefangenschaft und kehrte 1947 zu uns zurück. Doch dies ist ein anderes Kapitel. So war meine Mutter plötzlich gezwungen selbständig zu werden und alle Entscheidungen alleine zu treffen. Ich kam ganz gut ohne meinen Vater aus. Deswegen war ich auch nicht begeistert, als er nach dem Krieg wieder vor der Tür stand. Aber wir sollten dennoch bald merken, dass uns unser Vater irgendwo fehlte, denn eines Tages sagte der Luftschutzwart: "Wenn ein Angriff kommt, dann sollen ihre beiden Kinder (wir waren die ältesten Kinder im Haus) zu einer Meldestelle laufen.“ Meine Muter lehnte dies ab und gab dem Luftschutzwart zu verstehen, dass sie uns während eines Angriffes nicht losschicken würde. Daraufhin kam es zu einem heftigen Wortwechsel und meiner Mutter wurde der Zutritt zu dem Luftschutzkeller verboten. Bei jedem weiteren Angriff wurden Walter und ich zwar aufgefordert in den Keller zu fliehen, doch wir wollten nie ohne unsere Mutter gehen. Wir hatten nur einen Wunsch: Wenn uns eine Bombe erwischen sollte, wollten wir lieber sofort tot sein, als verkrüppelt.

Auch meine Großeltern wurden 1943 von der Wirklichkeit des Bombenkrieges heimgesucht, obwohl sie es nie so recht glauben wollten, dass so etwas möglich sei. In einer heißen Julinacht ging auch unser Geburtshaus, getroffen von den feindlichen Bomben, in Flammen auf und das Lebenswerk meines Großvaters wurde innerhalb von Stunden vernichtet. Meine Großeltern wohnten in der folgenden Zeit bei ihrer Tochter, meiner Mutter, in Lübeck und noch im Kriege zogen sie wieder zurück, auf ihr Trümmergrundstück, wo eine Autogarage stehen geblieben war. Hier lebten sie nun und suchten sich aus den Trümmern das heraus, was sich noch verwenden ließ. Mein Großvater verhungerte jedoch schließlich 1946. Meine Großmutter überlebte die schreckliche Zeit und starb erst Anfang der 70er Jahre. Nach dem Krieg durfte das Grundstück zunächst nicht bebaut werden und heute befindet sich dort ein Sportplatz.


Die Zeiten wurden immer entbehrungsreicher und eines Tages waren wir gezwungen, zwei Zimmer unserer Wohnung an Flüchtlinge abzugeben, so dass uns nur noch ein Zimmer blieb. In der damaligen Notlage kam es dadurch häufig zu Spannungen. Dann kam 1945 das Jahr der Götterdämmerung, wie ich immer zu sagen pflege. Die Lebensmittelrationen wurden ständig gekürzt, was dazu führte, dass man sogar während eines Fliegeralarms in der Schlange vor den Geschäften blieb. Der Hunger siegte über die Angst. Daran konnte man sehen, dass der allgemeine Zusammenbruch nicht mehr fern war. Die englischen Bomber flogen oft im Tiefflug über Lübeck aber es wurden keine weiteren Bomben mehr abgeworfen. Aber die Notlage ist ja schon sooft im Fernsehen gezeigt worden und daher möchte ich sie hier nicht weiter ausführen.


Hier geht es zum vierten Teil

Weiterempfehlen Drucken Quelle: Kurwenal - Seniorkom Hobby Redakteur

1 Kommentar(e)

lionsun schrieb vor 2382 Tag(en) 3 Stunde(n) 5 Minute(n)

Der rote Faden

Lieber Kurwenal,
danke für deine wunderbar erzählte Lebensgeschichte. Ich bin erschüttert, wie dein Großvater ums Leben gekommen ist. Dies in so knappen Worten zu erzählen, erhöht für mein Gefühl noch die Dramatik und mir wird deutlich bewußt, wie gut ich es als Nachkriegskind auf dem Land bei meinen Großeltern doch hatte.
Bitte schreib weiter und danke im voraus!
Liebe Grüße, lionsun.

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