INTIMES THEATER ...und der ABSCHIED 6. Fortsetzung

Symbolbild: Donaukreuzfaht

Nicht jeden Abend, aber doch zwei oder dreimal die Woche stand auf unserem Tagesprogramm die Empfehlung: Bekleidungsvorschlag - festlich !- Das Stichwort, das muss man einräumen, löste wahre Stürme der Zustimmung aus.
Begeisterung rundherum. Eine hektische Betriebsamkeit brach aus, vor allem in der Damenwelt. Koffer werden aufgerissen, Tüten (Plastiksackerl) werden durchforscht.

Ein rasendes Telefonieren beginnt.Hat der Friseur noch einen Termin frei? -Er muss unbedingt. Gibt es mein Parfüm, meinen Lippenstift noch im Beauty-Salon?-Habe ich nicht schon beim letzten Fest-Dinner - ach Gott- wann war das bloß? --- wenn
überhaupt - das große oder kleine Schwarze getragen? -- Es ist unmöglich, sich zweimal mit demselben Kostüm zu zeigen...Wer bitte fragt da im gewöhnlichen Alltag
danach? --- Es wäre beschämend. Es wird also - ersatzweise -jetzt das Großgeblümte mit grauer Schärpe herausgesucht es ist etwas zerknittert.Jetzt wird nach einem Bügeleisen gefahndet. Eine Dame mit übergroßen Lockenwicklern ruft gebieterisch
danach.- Arme Stewardess !--Die hilfreichen Geister der Donauprinzessin - welt- und wettererfahren, sind aber solchen Situationen durchaus gewachsen. Es gibt einfach nichts, was auf diesem Schiff im Zweifelsfall nicht organisiert werden könnte...Sogar dieses, als sich ein supergscheiter Gast aufregte, dass auf den Klobürsten keine Deckel seien und er das als unhygienisch empfinden würde...Es wurden neue Klobürsten mit Deckel im nächsten Hafen organisiert.Die liebe Seele hatte dann Ruhe !.- Für alles findet sich und fand sich eine Lösung ,schlussendlich.

Und so gegen sieben Uhr des Abends begann dann das Stück - "Intimes Theater ".- Auf dem Austria und Bavaria-Deck öffnen sich da und dort einzelne Kabinentüren. Heraus treten, in eine Wolke von Parfüm gehüllt, pompös gekleidete Damen. Sie
schreiten durch die engen Gänge wie Königinnen im großen Ornat. Es sind komplette Bühnenauftritte,noch etwas unsicher, hier unten. Plötzlich spürt man: das war der tiefste Grund, warum diese Reise gebucht wurde: Selbstdarstellung. Ich akzeptierte das. Schon vor vielen Jahren schrieb ich einmal: Jede Reise ist im Grunde- eine Reise zu sich selbst...

Männer können in solchen Situationen mit der Kleiderlust ihrer Frauen nur begrenzt Schritt halten. (Siehe Opernball !)-Ein richtiger Frack mit großem Ornat wäre zum
Beispiel absolut overdressed, also stillos. Die weiße Smokingjacke zur dunklen Hose genügt. Ein Ordensbändchen am Revers ist möglich. Nur ja keine Orden , Schärpen oder
sonstige blecherne Attribute. Männer sind in solchen Fällen eigentlich immer nur die Begleitpersonen, von pompösen Festroben, die sie,unendlich behutsam und höflich, jetzt am Arm führen dürfen. Ihre KREDITKARTE ist wichtiger, aber man braucht auch sie nicht. Auf der Donauprinzessin quittiert man mit einfacher Unterschrift.

Ich war schon so vermessen, abends in der Bar meinen Drink mit Unterschrift zu quittieren, den mir mein Sohn spendierte- oh, welche Freude. Vorsicht - falls man mit FREUND dort ist - es könnte vielleicht eine Revanche eingefordert werden ...im
Zeichen der Gleichberechtigung. An solchen Abenden glänzt alles in festlichem Kerzenlicht. Das Dinner ist noch etwas
ausschweifender, endlos werden immer neue Gänge serviert. Obwohl auf den Tellern nur kleinste Leckereien kredenzt werden, fragt man sich immer wieder: wie verputzen Menschen so viel Substanz, wo geht das alles hin? ---Grenzenlos scheint das Fassungsvermögen der Gäste. Es wird auf der Weinkarte umständlich nach edelstem Tropfen gefahndet. die Versammlung wirkt strahlend wie eine orientalische Hochzeitsgesellschaft. Nach dem Festessen bewegt sich die Versammlung langsam in die
Lounge hinüber. Man nimmt in bequemen Sesseln Platz. Man ist satt, entspannt, trinkt, knabbert Konfekt, raucht etwas, plaudert und weiß: gleich wird die SHOW beginnen- was ?

Erstaunliches hat sich vollzogen. Der Saal hatte sich in ein "intimes Theaterchen" verwandelt. Eine Bühne ist da, ein kleines Orchester, Scheinwerfer flammen auf, ein Vorhang geht auf, Tusch für die Künstler!- Eine junge Dame, die offenbar die Aufgabe der Animatorin übernommen hat, hält ihr Mikrophon fest in der Hand und moderiert nun den Abend- absolut professionell. Man kennt das vom Fernsehen, ungefähr so.
Das Programm heißt bescheiden: DIE CREW-SHOW!- Es wird also jetzt ein Unterhaltungsprogramm abgewickelt, das vom PERSONAL der DONAUPRINZESSIN bestritten wird. Toll!- Die Armen- so dachte ich - tagsüber müssen sie schuften und abends noch tingeln... Aber das scheint unsere junge Künstlertruppe nicht zu kümmern.Sie sind voll bei der Sache!- Man merkt, dass ihnen die Veranstaltung persönlich Spaß macht! -Na so was !-

Ich weiß nicht, ob das bei allen CREWS der LUXUSLINER so üblich ist- Meistens werden da Schauspieler, Künstler, Sänger und viele andere "Zauberer " und "Hexen" aus diesem Genre eingeladen. Diese Schiffs-Crew hier ist wie verkappte Künstler. Im Scheinwerferlicht wird jetzt offenbar: jeder hat seinen Traum als Schauspieler. Sein wahrer Beruf ist nicht Koch, sondern Künstler. Jetzt wird er praktiziert. Sie machten das wirklich alle exzellent. Es sind Laien, aber wie sie ihre Auftritte gestalten, das verrät Spaß, Witz und ist in seiner Weise gekonnt. Alle haben sich verwandelt: der seriöse, immer hilfreiche Hoteldirektor, der tagsüber so bescheiden-diskret wirkt, hatte sich zu einem hervorragenden Sänger verwandelt, der es mit einem STAR hätte aufnehmen können. (Ich war dermaßen überrascht, dass meinSohn plötzlich eine so herrliche Stimme hatte und meinte dann, nun, wenn du es in
deinem Hotelberuf nicht mehr aushältst, dann wirst du eben ein "singender Star " und hast ein zweites, berufliches Standbein im Leben ...wie wahr das auch manchmal werden könnte? --- Der Steward verwandelte sich zu einem virtuosen Geigenspieler, der Barman wurde zum Pantomimen, die Putzfrauen wurden zum Ballett, das mit Besen und Staubsauger seine ruhmlose Arbeit persiflierte. Heiterkeit,allgemeines
Vergnügen, grosser Applaus geht um. Am eindrucksvollsten schien mir ein junger Mann, der als Tanzsolist einige Auftritte aus dem Musical "CATS " parodierte. Er spielte
und tanzte seine Rolle wie ein Profi, absolut bühnenreif. Es war ganz dunkel und still im Saal geworden, als er seinen Katersong zelebrierte. Mir ging es wie einst in Oberammergau. WER ist dieser Spieler in Wirklichkeit?- Ist es unser Tischkellner, einer aus der Küche, der sonst das Gemüse putzte,einer vom technischen Personal ?- In Oberammergau war ich einmal beim Judas zu Gast. Es war trotzdem gemütlich. Auf der Donauprinzessin blieb mir diese Frage aber ungeklärt.

Der MENSCH ist das Wesen, das spielen will: homo ludens heißt das im Fachjargon. Steckt nicht in vielen von uns der Wunsch, sich selbst als der darzustellen, der man
zwar nicht wurde, aber der man gern geworden wäre? --Auch im Fasching erlebt man das ja so...die Verwandlung -in die MASKEN vorm Gesicht. Für solche Erfüllungen geheimster Wunschphantasien ist auf der Donauprinzessin ein eigener Abend reserviert. Das Programm ist ebenso schlicht- wie raffiniert konzipiert. Jeder kann sich selber in seiner Wunschrolle produzieren. Und nach allem, was ich schon sagte, brauche ich
nicht zu betonen, dass gerade dieser Abend dankbar und mit Inbrunst angenommen wurde. Es gab Herren, die sich als Damenimitatoren bewährten. Es gab Damen, die sich als Zarah Leander oder Lou van Burg anboten. Film und Fernsehen sind offenbar machtvolle Vorbilder. Sie bestimmen unsere Bilderwelt immer mehr. Als unbestrittener Star dieses abends bleibt mir eine Dame in Erinnerung, der ich so viel Kunstsinnigkeit eigentlich nicht zugetraut hätte. Ich hatte sie schon vor Tagen kennen gelernt bei einem Ausflug,wo sie neben mir saß. Sie war in ihrer Jugend eine Drogistin gewesen in WIEN-Ottakring. Sie hatte ein Leben lang Seifen, Schwämme,
Zahnpasta verkauft. Ihre tiefste Liebe aber gehörte der Operette. Sie schwärmte für Lanner, Lehar, Strauß, Paul Lincke. So wie sie sich an diesem Abend herausgeputzt hatte, erfüllte sie tatsächlich alle Erwartungen, die wir an einen
Operettenstar stellen. Sie trug ein langes, großes Abendkleid mit Schleppe und Brokatumhang. Sie wirkte berauschend in all ihren Farben.Blumen schmückten den Hals festlich. Und tatsächlich: sie konnte Lieder, Couplets, Volksweisen frei aus der Erinnerung vortragen. Das Orchester begleitete mit diskreten Improvisationen. Ihr Begleiter, ein älterer Herr, der sich als Bauleiter überall auf der Welt bei Baufirmen verdient gemacht hatte, applaudierte etwas verschämt. Für diese Dame aber, man soll das klar sehen, erfüllte sich an diesem Abend ein LEBENSTRAUM.Sie war keine Verkäuferin mehr für Seifen und Zahnpasta. Sie war jetzt die, die sie ein Leben lang gerne gewesen wäre. Sie war die Soubrette, die Künstlerin, die auf der Bühne stand und ihr Publikum betörte. Tatsächlich war ihre Vortragskunst und ihr Applaus beträchtlich. Vergessen war jetzt die Klosterbibliothek in Melk, der Stephansdom in Wien, das imponierende Parlamentsgebäude in Budapest.- Das alles waren nur Vorgeschichten. Sie stand auf der Bühne und sang ihre Arien mit wogendem Busen. Sie war eine Künstlerin, bejubelt, beklatscht. Das LEBEN war schön. Sie dankte ihrem Publikum mit artigen Verneigungen. Sie gab noch eine Zugabe, ein Berliner
Lied von Paul Lincke. Das Publikum raste vor Vergnügen.Alle waren sehr glücklich,- jetzt.

Der Abschied .......

Natürlich kann nach solchen Vergnügungen das Ende nur elegisch und etwas melancholisch sein....

Samstagmorgen - 9.00 Uhr : - Wir sind wieder in PASSAU. Das schöne Stück ist aus. Die Gäste sind keine Künstler mehr, sondern wieder Passagiere, die jetzt zwischen Koffern und Taschen und Regenschirmen noch etwas benommen herumsitzen. Die Welt ist wieder vernünftig und etwas fad. Es regnet auch leicht. Manche blättern in den Kursbüchern der Bundesbahn. Da und dort werden Adressen ausgetauscht. Wird man sich wiedersehen- wo? ---War das Ganze nur ein TRAUM?- War es nicht gestern noch schöne Wirklichkeit gewesen? -schon streben alle
auseinander. Taxis fahren draußen vor. Ich sehe mein rotes, Allrad- Auto, das der Garagist zuverlässig vorgefahren hat...Der Abschied vom Sohn naht...also ade und Goodbye.Es war so schön...Etwas wie Katerstimmung liegt über diesen letzten
Minuten. Tatsächlich, wie soll man nach so vielen Wundern wieder zurück in die Plattheit des Alltags finden? --Für mich gibt es einen Ausweg. Ich werde mich ganz einfach immer wieder erinnern...Die Erinnerung, sagt man, sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können...

Ich werde ein Stück der Erinnerung an die DONAUPRINZESSIN schreiben, ein Stück vom Paradies, das jeden Samstagnachmittag in Passau immer wieder beginnt und in Budapest oder am schwarzen Meer sein Ziel findet. Was ich hiermit getan habe. Außerdem begleitet mich noch heute in meinem roten Auto nach so vielen Jahren ein kleines Sträusslein rot-weiß-roter Kunstblumen mit Schleife, welches mir mein Sohn beim Abschied noch auf den Heimweg mitgab, der mich - ich weiß nicht wie- weit durch Oberösterreich, an einem herrlichen Stift vorbei , über verschlungenen Strassen
hügelauf-und ab, durch enge Kurven, bis nach Salzburg-Stadt zurückbrachte. Das Stück der beschriebenen Erinnerung in Fortsetzungen , an eine wunderbare Schiffs-Reise mit der DONAUPRINZESSIN, das mir widerfuhr, war: “Ein himmlisches Vergnügen " ...

Weiterempfehlen Drucken Quelle: salzburger engerl

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