Shimmy

Symbolbild für Shimmy

09.11.2007

Das ist der Name für einen Paar -Tanz, der 1918 in den USA erfunden wurde, und auch schon bald den Weg zu uns fand. Heute, fast neunzig Jahr später, erinnern sich wohl nur noch wenige daran. Eines der bekanntesten Musikstücke aus jener Zeit, welche diesen Tanz repräsentieren, ist "Ausgerechnet Bananen“, das wohl viele noch kennen. Shimmy (Schimmi) war aber auch der Name für meinen verstorbenen Onkel, der am 1. März 1903, im Zeichen der Fische, das Licht der Welt erblickte. Mit Taufnamen hieß er Wilhelm, gerufen wurde er Willi. Jahre später nannten ihn neidige Mitmenschen Schimmi, und er selbst nannte sich William.

Nun, wie kam es zu dieser Namensentwicklung? Seine Eltern, die Mutter eine rechtschaffene Köchin, der Vater Fleischhauer und Wirt, gaben ihm den Namen des Vaters, bzw. zu Ehren des Deutschen Kaisers. Mit diesem markigen Namen wuchs der Knabe heran. Seine Geschwister, alle jünger als er, formten aus Wilhelm die Kurzform Willi, und auch die Mutter nannte ihn so. Der gestrenge Herr Vater blieb bei Wilhelm, denn für die Verhunzung des Namens ihrer allergnädigsten, hoch zu verehrenden Kaiserlichen Majestät hatte er nicht das Geringste übrig. Bei dieser Einstellung blieb er dann auch bis zu jenem Tag im Mai 1915, an dem er - für Kaiser, Gott und Vaterland - sein Leben auf dem Feld der Ehre hingab. Ab diesem Zeitpunkt übernahm Wilhelm, alias Willi, den Platz des Vaters. So war es nun einmal Sitte in jener Zeit. Die beiden jüngeren Schwestern, deren Altersunterschied nur ein bzw. drei Jahre betrug, nahmen seine neue Stellung innerhalb der Familie nicht besonders ernst. Das sieben, ja fast acht Jahre jüngere Nesthäkchen jedoch, musste sich dem Ersatzvater, wohl oder übel, beugen.

So wuchsen alle heran. Der aufstrebende junge Mann verspürte schon bald die Berufung zu größerem, höherem in sich, und begann seine Laufbahn als Bonvivant. Er hatte großes Talent als Tänzer, er sah verdammt gut aus, er hatte beste Umgangsformen, ein sicheres Auftreten, jede Menge Charme und keinerlei Skrupel. Mit diesen Zutaten ließ der Erfolg nicht lange auf sich warten. Er schaffte den Sprung auf die Bühne des Varietees als Schautänzer mit einer adeligen Partnerin an seiner Seite. Er ließ Autogrammkarten und Visitenkarten von sich drucken. Und nun kommt der Name William ins Spiel. Ab sofort nannte er sich nicht mehr Willi, sondern William Geiger, Tänzer. Das hatte ein internationales Flair. Er hatte eine untadelige Figur, die er sich mittels Boxtraining bewahrte, das er in seiner Varieteezeit absolvierte, ohne je einen Boxkampf zu bestreiten. Er war der perfekte Gentleman, er kleidete sich nach der neusten Mode, trug goldene Manschettenknöpfe, Krawattennadel und Sigelring, und eine goldene Uhr. Sein wohl größtes Kapital war sein Charme. Er öffnete bei den Damen nicht nur deren Herz, sondern auch ihr Scheckheft. Und der geliebte Onkel hatte keinerlei Skrupel beides in Anspruch zu nehmen. Mit seinem ungeheuren Schlag bei Frauen, sah er sich einem großen Überangebot ausgesetzt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie eine feine englische Dame aus London, namens May, bis in die Niederungen eines kleinen germanischen Dorfes gereist kam, um ihren William zurück zu erobern, der sie kurz davor verlassen hatte. Das war um 1951 herum, kurz vor meinem Eintritt in das deutsche Bildungswesen. Schon viele Jahre davor hatte ihn die männliche Bevölkerung des heimatlichen Dorfes zum Schimmi gemacht, in Anlehnung an den amerikanischen Modetanz und an seine Tätigkeit als Tänzer. Diese Herren kamen überwiegend aus der Ecke der Neider. Ein paar wenige taten es wohl auch aus einer gewissen Bewunderung heraus für einen Menschen, der den Mut hatte aus der dörflichen Geborgenheit auszubrechen und in die Welt hinaus zu gehen. Sein Lebensstil beinhaltete das Laufen mit Ski, wohlgemerkt nicht das heutige Schifahren, solcher Ausdruck wäre undenkbar gewesen, und das Chauffieren eines Automobils. Es beinhaltete auch das Beherrschen der englischen und der holländischen Sprache. Diese beiden Länder bereiste er bevorzugt.
Doch nun muss ich das Rad der Geschichte um einige Jahre wieder zurück drehen.
Mein Onkel hatte in einer Kurstadt, zusammen mit seiner Schwester Irmgard eine Tanzschule eröffnet. Die Lage war perfekt, lag sie doch wenige Schritte vom vis-a-vis gelegenen Bahnhof entfernt. Die Schule war gut besucht und die Kasse stimmte. Alles lief bestens, bis ein Einheimischer der Schwester seine Liebe erklärte. Es kam, wie es kommen musste, die Schwester beschloss neue Wege zu gehen. Man weiß heute nicht mehr, ob es eine Hörigkeit der Schwester war, oder ob sie selbst, die im Charakter dem Bruder ähnlich war, die Initiative ergriffen hat. Es begann mit dem Beschmieren von Fensterscheiben der Tanzschule mit gehässigen Parolen und endete damit, dass Willi Geiger das Handtuch warf. Der liebe Schwager sprang in die Bresche, und aus der Tanzschule Geiger wurde die Tanzschule Greiner. Man beachte die zufällige und interessante Namensähnlichkeit. Man könnte sagen, Willi, William, Schimmi Geiger war eines der ersten Mobbing-Opfer in der Geschichte.
Kurze Zeit später rief Deutschland zu den Waffen und Wilhelm Geiger wurde eingeladen daran teilzunehmen. Auch hier zeigt sich die große Gewandtheit dieses Mannes. Er brachte es, nach relativ kurzer Zeit, bis zum Leutnant, obwohl er außer Volksschule keine höhere Bildung besaß. Man umgab sich einfach gern mit ihm, denn mit seinem Auftreten hatten die Herrn Offiziere einen wirkungsvollen Magnet im Bezug auf die Damenwelt. Der Onkel besuchte diverse Kriegsschaulätze, bevor er in seiner Heimatgemeinde als Lagerleiter der OT, Organisation Todd, tätig wurde. Das war eine Organisationsabteilung der deutschen Wehrmacht, welche für Straßen- und Brückenbau zuständig war. In jenem Lager waren polnische Zwangsarbeiter untergebracht, die in einem unweit gelegenen Bergstollen Flugzeugteile zusammenbauten. Mir hat man als Kind immer erzählt, dass die Organisation Todd für Nachschub und Verpflegung zuständig war; aber wahrscheinlich habe ich da etwas missverstanden.

Dass weder mein Onkel noch meine Tante Lou, die drei Jahre jüngere Schwester, Nazis waren, lässt sich allein schon durch eine kleine Episode belegen. Im Büro des Onkels stand eine Büste aus Gips von dem unseligen böhmischen Gefreiten, der die Welt erobern wollte. Onkel Willi, Tante Lou und ein lieber Freund der beiden saßen in besagtem Büro und hatten schon tüchtig dem Alkohol zugesprochen. Zu vorgerückter Stunde kam man auf die grandiose Idee mit einem Flaubert-Gewehr, auch Zimmerbüchse genannt, auf den Führer zu schießen. Die beiden Herren der Schöpfung trafen nur mäßig; dafür traf die Tante umso besser. Sie schoss der Gipsbüste ein Auge heraus. Dieser Treffer hatte eine ernüchternde Wirkung; denn in diesem Augenblick wurde den drei Hallodris erst bewusst, was sie gerade taten. Sie stellten sich vor ein Erschießungskommando, würde dieser Vorfall je heraus kommen. Die beiden Männer beauftragten die Tante mit der Entsorgung des Führers. Tante Lou, eine damals schon taffe Erscheinung machte dies auch, indem sie die beschädigte und entehrte Büste in den Bach warf, welcher hinter dem Elternhaus vorbei floss. Dieser Vorfall blieb ohne Folgen, und alle drei Beteiligten überstanden den Krieg unbeschadet.
Nach dem Krieg kam die Zeit des Wiederaufbaus und der Neufindung. Onkel Willi nutzte seine Kenntnisse auf dem Gebiet des Gesellschaftstanzes und machte sich als Tanzlehrer selbständig. Er erwarb ein Quickly, jenes 1953 von NSU entwickelte Moped, in lindgrün gehalten, und fuhr damit über die umliegenden Dörfer. Auf dem Gepäckshalter das festgezurrte, aufziehbare Grammophon mit den Schellackplatten. Wochen zuvor schon hatte er auf buntem Packpapier demnächst beginnende Tanzkurse aufgemalt und in den jeweiligen Dörfern aufgehängt. Der Andrang war ebenso groß wie der Hunger nach Unbeschwertheit und Vergnügen. Und so fuhr der Onkel, bei Hitze ebenso wie bei Eis und Schnee, mit seiner Maschin aufs Land, um jungen Menschen die erhabene Kunst des Tanzes beizubringen. Einer der Nutznießer dieser Einrichtung war mein zehn Jahre älterer Bruder Klaus. Mir blieb dieses Vergnügen leider verwehrt, weil mir die nötigen Lebensjahre dafür fehlten.
Der umtriebige Onkel, der sein Leben drastisch umgestellt hatte - das ständige Umherreisen war aus finanzieller Gegebenheit nicht mehr möglich - war aber auch auf dem Land das Objekt weiblicher Begierde. Doch Landpomeranzen waren nun einmal nicht die Lieblingsfrucht des Onkels. Die wohl letzte adäquate Geliebte war May aus London. Aber an sie erinnerte nur noch die Coronation-Coin im Besitz meines Onkels, die anlässlich der Krönung von Königin Elisabeth herausgegeben worden war.
Die Episode des Tanzlehrers Geiger dauerte nicht allzu lange. Ein Konkurrent, der sich in das kleine Dorf verirrt hatte, drängte ihn aus dem Geschäft. Er hatte eine eigenes Studio und eine Partnerin in Form seiner Gattin. Der Onkel, der kein eigenes Studio hatte und der seine Kurse nur in den sozialen Räumlichkeiten der Kirchen abhielt, war nicht mehr konkurrenzfähig. Er hatte wohl auch kein großes Geschick in finanziellen Dingen. Geldeingang und Geldausgang standen in einem argen Missverhältnis. Das führte nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 1941 dazu, dass er die ererbte Doppelhaushälfte an den Nachbarn verscherbelte, um das Geld schnellstmöglich unter die Leute zu bringen. Und das machte auch nicht davor Halt vom Sparbuch seiner Schwester Lou, viele Jahre später, dreitausend D-Mark zu beheben, ohne deren Erlaubnis dazu. Sie war es auch, die vom Nachbarn die Doppelhaushälfte wieder abkaufte, um sie wieder in den Besitz der Familie zurück zu führen.
Und so begann der allmähliche Abstieg des Wilhelm, Willi, Schimmi Geiger. Er verdingte sich als Kellner, und er machte auch hier sehr schnell Karriere. Er diente sich hinauf zum Chef de rang und wurde später sogar Geschäftsführer. Als er sich in seiner Heimatgemeinde um die Pacht eines gastronomischen Betriebes bewarb, zeigte man ihm die kalte Schulter. Man könnte sagen er wurde Opfer seines eigenen Lebensstils. Vielleicht war er dem fröhlichen Landmann eine Spur zu arrogant. Mit Sicherheit aber war die Zahl der Neider größer als die Anzahl der Freunde. Diese waren in intellektuellen Kreisen zu finden: Lehrer, Architekt, Rechtsanwalt.
Man schrieb das Jahr 1956, als die Bombe platzte. Onkel Willi war inzwischen zum Geschäftsführer eines noblen Schlosshotels in einer schwäbischen Stadt avanciert. Alles, was Rang und Namen, und vor allem das nötige Kleingeld hatte, verkehrte dort. So auch eine Dame namens Eva Stapf. Sie war die Tochter einer alten Dame, welcher das größte Hotel mit erster Adresse in dieser Stadt gehörte. Es will mir nicht aus der Feder fließen; aber ich will es einfach einmal so benennen: Die beiden verliebten sich ineinander. Besser gesagt, sie verliebte sich in ihn. So stimmt das auf jeden Fall. Onkel Willi, inzwischen im besten Mannesalter von dreiundfünfzig Jahren, immer noch verdammt gut aussehend, das heißt braungebrannt, bei guter Figur, ließ die Frauenherzen noch immer höher schlagen, war aber finanziell abhängig. Tante Eva, so hieß sie ab der Eheschließung, unförmig, schwammig, Hals wie ein Truthahn, finanziell unabhängig. Letzteres Attribut war das Parfum, welchem der Onkel erlag. Sie war das gemachte Nest, das gefüllte Portfolio, welches seinen Lebensabend finanzieren sollte. So zumindest stellte er sich das damals vor. Was für ein Trugschluss, welche Tragödie…
Pompöse Hochzeit, ein eifersüchtiger Schwager, auch Willi heißend, der seinen Sohn schon als Geschäftsführer des Hotels gesehen hatte, und eine Schwiegermutter, topfit, ohne Brille, dafür ein marzipankugelgroßes Gewächs am Ende des linken Nasenflügels, mit hellwachem Verstand und einem eisernen Willen; die Herrscherin über das gesamte Hotelimperium. Vom Aussehen her wie die Hexe aus Hänsel und Gretel, nur ohne Hänsel und Gretel.
Nach außen, nach wie vor der Bonvivant, im sportlichen BMW 503, in welchen der Onkel kaum einsteigen konnte, weil dieses Teil sehr klein und flachgelegt war, und der Onkel sehr groß war. Doch innerlich hatte der Abbau dieses Mannes schon begonnen. Er fristete ein Leben als Prinzgemahl, jedoch mit äußerst schmaler Apanage, mit vielen Pflichten und wenig Rechten. Er verbrachte die meiste Zeit im hoteleigenen, riesigen Garten, wo er sich um Wuchs und Ertrag der vielen Sträucher, Bäume und Gemüse kümmerte. Gelegentliche Ausflüge in sein Heimatdorf, wo sein sportlicher Flitzer höchste Anerkennung fand, und Urlaubsfahrten in den Süden. Wasser, Sonne, Sonne und nochmals Sonne, das war sein Element, in dem sich das bald sechzigjährige Fischlein wohl fühlte. Aber den Sechziger sollte er nicht mehr erreichen. Er erlitt im Dezember 1961 einen Hirnschlag, von dem er sich nicht mehr erholte. Da lag er nun in seinem Spitalsbett, der Unbeugsame, der Riese, der er einmal war; jetzt nur mehr ein gebrochener Mann, mit Schläuchen in der Nase, röchelnd, ein Bild des Jammers. So habe ich ihn zum letzten Mal gesehen. Er war ein Opfer seines Lebensstils geworden; zu viel, zu schnell, immer auf der Überholspur. Nun hatte ihn der Tod eingeholt. Er starb am 28. Dezember, am Tag des unschuldigen Kindes. Welch eine Ironie. Er war, trotz seiner charakterlichen Webfehler, ein Mensch, den man gern haben musste; ich zumindest tat dies. Aber unschuldig war er sicher nicht. Seine Beerdigung war wie eine Szene aus dem Film "Dr. Schiwago“. Das ausgehobene Grab lag am Rand einer niedrigen Friedhofsmauer, und der Blick über diese Mauer verlor sich in einer schier endlosen Weite aus Schnee, bis hin zum Horizont. Ein eisiger Wind vervollständigte dieses Bild. Ich glaube, ich habe nie wieder so heftig geweint, wie an jenem Tag…
In meiner Erinnerung lebt er weiter als Mann, der gerne feierte, viel lachte, Fische fing, denn er war ein leidenschaftlicher Angler, der schöne Dinge für mich bastelte, der die herrlichste Ochsenschwanzsuppe kochen konnte, und das auf einem Einplattenherd, und den ich vergötterte: Onkel Willi, alias Wilhelm, alias Schimmi…

Weiterempfehlen Drucken Quelle: Hobby Redakteur JOJO

4 Kommentar(e)

CundM schrieb vor 1475 Tag(en) 6 Stunde(n) 37 Minute(n)

Shimmy

Ist deine Darstellung wahr? Oder nur eine Erzählung? Egal, beides ist möglich und/oder erzählens Wert!

reitmayr schrieb vor 1324 Tag(en) 12 Stunde(n) 54 Minute(n)

Shimmy

Welch Zufall!
Gesternbekam ich alte Klavier und Gesangsnoten in die Hände. "Mein galantes Boudoir", ein Shimmy-Lied für schöne Frauen. (1922)
Ich wußte nicht, was "Shimmy" bedeutet, nun weiß ich es.

reitmayr schrieb vor 1324 Tag(en) 12 Stunde(n) 53 Minute(n)

Shimmy

Welch Zufall!
Gestern bekam ich alte Klavier und Gesangsnoten in die Hände. "Mein galantes Boudoir", ein Shimmy-Lied für schöne Frauen. (1922)
Ich wußte nicht, was "Shimmy" bedeutet, nun weiß ich es.

reitmayr schrieb vor 1324 Tag(en) 12 Stunde(n) 52 Minute(n)

Shimmy

Welch Zufall!
Gestern bekam ich alte Klavier und Gesangsnoten in die Hände. "Mein galantes Boudoir", ein Shimmy-Lied für schöne Frauen. (1922)
Ich wußte nicht, was "Shimmy" bedeutet, nun weiß ich es.

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