Mein Cousin Otti

Kindheitserinnerungen eines Landbuben (um 1950)
Otti und ich, wir beneideten uns gegenseitig. Ottis Eltern,
Tante Mitzi und Onkel Otto wohnten in Wels.
Wenn er uns Sonntags bei Schönwetter besuchte, dann konnte er nicht
genug über das herrliche Landleben schwärmen.
Zu meinen ganz besonderen Erlebnissen in dieser Zeit gehörte
dagegen, wenn ich bei Onkel und Tante in der Stadt übernachten
durfte.
Otti wohnte im 2.Stock eines sogenannten Fliegerhauses. Diese
Häuser wurden vor dem 2. Weltkrieg errichtet und waren für
Angehörige der Luftwaffe bestimmt. Onkel Otto tat während des
Kriegs seinen Dienst beim Bodenpersonal.
Wenn es also wieder einmal soweit war - für mich viel zu selten -
dass ich Otti besuchen durfte dann geschah das fast immer auf
Mutters Fahrrad am Gepäcksträger. Mussten wir ein Stück zu Fuß
gehen, dann hielt Mutter krampfhaft meine Hand fest, da ich ja mit
den Gefahren der Stadt, so meinte sie, überhaupt nicht vertraut
sei.
Auf dem Weg zu Ottis Wohnung erinnere mich an die Brücke, die über
die Gleise des Hauptbahnhofs führte. Wenn man Glück hatte, fuhr
gerade im selben Augenblick unten eine Dampflokomotive durch. Für
eine ganze Weile war man da in weißen, aber auch manchmal in
kohlschwarzen Rauch gehüllt.
Ottis Wohnung war fein eingerichtet. Da gab es das schwarze
elegante Speisezimmer mit dem großen Glaskasten, der schöne
Kristallgläser und eine Menge putziger Nippfiguren enthielt. Wenn
man an ihm vorbeiging, klirrten die Glasschiebetüren ganz leise,
was seine Eleganz nur noch steigerte.
In solchen Augenblicken konnte ich mir nicht vorstellen, was denn
Otti an unserem Landhäusl, wenn auch mit Garten, so sehr
gefiel.
Als krönender Abschluss stand meistens abends noch ein Kinobesuch
auf dem Programm. Im Vorspann gab es da meist einen Mickey Maus
Kurzfilm. Mit einem Wort: das Glück schien perfekt zu sein und man
spürte unbewusst ähnliches, was man heute als Lifestyle bezeichnen
würde.
Die Unterschiede zum Landleben zeichneten sich natürlich
unverwechselbar ab:
Da gab es das Badeerlebnis. Noch nie zuvor hatte ich eine Badewanne
gesehn. Ein Holzschaff in dem mich Mutter mit Hirschseife und
Reibebürste allwöchentlich am Samstag malträtierte, waren der
"Badespaß“ den ich bis zu diesem Zeitpunkt kannte.
Tante Mitzi versuchte zwischendurch immer wieder, meine
Dialektausdrücke etwas zu mildern um nicht später einmal als
"G’scherta“ in der Hauptschule verspottet zu
werden.
Tante Mitzi kochte auch vorzüglich. Am besten schmeckten mir ihre
Schwammerlgerichte. Onkel Otto, der als sehr belesen (gebildet)
galt, sorgte für die richtige Auswahl der Pilze und ich wunderte
mich immer wieder, dass er als Stadtmensch solch gute Kenntnisse
hatte.
Onkel Otto hatte hohe Allgemeinbildung und schriftstellerisches
Talent. Er löste Kreuzworträtsel im Vorbeigehn, schrieb für mehrere
Zeitungen die Sportberichte, war Schlagertextautor und vieles
andere mehr. Ein Kenner des geschriebenen Wortes.
Nicht aber ein Mann der Praxis. Einen Nagel gerade in die Wand
einzuschlagen, hätte für ihn eine unlösbare Aufgabe
dargestellt.
Sport war für ihn Abenteuer im Kopf. Selbst jedoch, vermied er
sogar das Erlernen des Radfahrens.
Einmal, niemand weiß mehr warum, betätigte sich Onkel Otto bei
unserem Nachbarn als Erntehelfer. Das Getreide in Garbenform
(Bündel) wurde mit Pferd und Wagen in die Tenne eingefahren. Und
hier in der "Es’n“ (Platz wo die Garben aufgeschlichtet
wurden), stand Onkel Otto und tat sein Bestes, um die wie rasend
vom Wagen heruntergeworfenen Garben, zu verbringen.
Natürlich machten sich die Bauersleute einen Spaß daraus, um diesen
blassen Stadtmenschen mit Wiener Akzent, in Bedrängnis zu bringen.
Onkel Otto schaffte es immer weniger, der Getreidekanonade Herr zu
werden und verschwand allmählich ganz in einem Haufen, sodass nur
mehr der Kopf herausragte.
Dieses entwürdigende Erlebnis und das lästerliche Gerede, hielten
ihn fortan von der Bauernarbeit fern.
Sprach ich davon, welche Wunderwelt sich mir in der Stadt auftat,
so war Ottis Begeisterung für mein Umfeld auf dem Lande, auf den
ersten Blick natürlich schwer zu begreifen. Aber andererseits
wiederum, doch zu verstehn.
Ein Blick in den städtischen Hinterhof genügte, um zu wissen, dass
hier Indianerromantik nur schwer in die Tat umzusetzen war.
Wie herrlich war es doch bei uns, den eigenen Kirschbaum zu
erklettern und sich mit Kirschen voll zu stopfen, bis es nicht mehr
ging. Des Nachbarn junge Ferkel zu bestaunen und den würzigen Duft
des Pferdestalls einzuatmen.
Der nahegelegene Teich und der vorbeifließende Bach taten ein
übriges, um die vier Jahreszeiten mit all ihren
Besonderheiten,"Life“ wie man heute sagen würde,
auszukosten.
Natürlich waren unsere Spiele nicht immer gefahrlos. So kamen wir
eines Tages auf die verhängnisvolle Idee, Ritterspiele möglichst
mit realem Hintergrund auszutragen. Wir schnitzten scharf
angespitzte Holzspeere, stellten uns in zehn Meter Entfernung
zueinander auf und versuchten jeweils den anderen mit gezieltem
Wurf zu treffen. Der Anvisierte musste nun den heranfliegenden
Wurfgeschoßen geschickt ausweichen.
Es ging noch nicht lange, da schrie Otti mit schmerzverzehrtem
Gesicht auf. Ich hatte ihn in die Wade getroffen und der Speer war
darin stecken geblieben.
Otti war ein echter Blutsbruder, daher blieb mir auch eine
g’sunde Watsch’n, die mir damals gebührt hätte,
erspart.
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Quelle: roto
3 Kommentar(e)
hope, 06.02.2006 14:04
Cousin Otti
Hallo roto!
Und wieder einmal bin ich von einer deiner so lebensnahen
Geschichten begeistert!
Liebe Grüße - hope












stefferl, 11.01.2006 14:31
Otti
Das ist Kindheit anno dazumal pur!