43 Hätte Mutti Tagebuch geschrieben: Ist es das Ende?

Ungewisses Ende

17.3.1964
Ilse hat mich in einem ganz lieben Brief zu Ostern eingeladen. Sie ist glücklich. - Alles wird gut werden.
Vielleicht kann ich Karl überreden, mit mir nach Wolfsburg zu fahren. Ich mag nicht länger diese Heimlichkeiten vor Ilse haben.

19.3.1964
Heute stand plötzlich Karls Tochter vor meiner Tür. Ob sie reinkommen dürfe, sie habe etwas mit mir zu besprechen. - Sie hat in wenigen Minuten eine ungeheuerliche Geschichte erzählt. Ich habe ihr rechts und links ins Gesicht geschlagen, sie an den Schultern gepackt und aus meinem Zimmer geschoben, ich habe die Haustür aufgerissen und die Frau hinausgestoßen.
Ich habe mit voller Wucht meine Zimmertür zugeknallt, abgeschlossen und nur noch gegen die Wand getrommelt, bis meine Fäuste blutig waren und furchtbar weh taten. Nein, ich schreibe es noch nicht auf, was sie mir erzählt hat. Vielleicht später, oder morgen, oder überhaupt nicht mehr. Ich schlucke jetzt ein paar Schlaftabletten, ich nehme mir noch nicht das Leben, - jetzt noch nicht! - Ich will nur schlafen!

20.3.1964
Ich lebe noch. - Ich will noch nicht sterben. - Ich habe den Schlüssel aus meiner Tür gezogen. So müssen sie nicht die Tür aufbrechen, wenn sie mich suchen ... Ich habe Hunger, aber ich werde nichts essen. - Der Boden öffnet sich schon unter mir, aber
ich will nur schlafen... und nach dem Aufwachen feststellen, dass alles ein Traum war ...

17 Uhr
Ich bin aufgewacht, weil Frau Raschke an die Tür klopfte. Ilse sei am Telefon. Lasst mich alle in Ruhe, habe ich gerufen, - aber dann bin ich aufgestanden, habe mein Tagebuch vorgeholt ... und jetzt weiß ich, dass alles kein Traum war. Ich kann es nicht glauben, dass alles wahr ist, was diese Frau mir erzählt hat:

Karl ist 1955 aus der DDR in den Westen gekommen und hat in Hankensbüttel neben dem Kino gewohnt.
Sie wohnte im selben Haus. Sie haben sich ineinander verliebt und ein Verhältnis gehabt. Damit es keinen Grund für böse Nachrede gab, hat er sie adoptiert. So wurde alles legal. Sie ist in seine Wohnung gezogen, hat für ihn gekocht und gesorgt, und niemanden ist es aufgefallen. Erst als er im Januar 1963 einen Herzinfarkt hatte, konnte sie nicht mehr rund um die Uhr für ihn sorgen, da ist er in das neue Altersheim gegangen. Erst sollte es nur für kurze Zeit sein, aber dann habe er ja mich kennengelernt und wollte nicht mehr zurück in seine alte Wohnung. - Er sei aber regelmäßig zu ihr gekommen, wenn er Lust auf Liebe gehabt habe.

Als sie das erzählte, raste mein Herz, die Knie wurden mir weich und ich unterbrach sie erschüttert, um noch einmal nachzufragen, ob sie miteinander im Bett waren. - Ja, natürlich, sagte sie schnippisch, und er habe sich auch schon bei ihr darüber beschwert, dass bei mir wohl nichts mehr "gehen" würde. Ich war nahe einer Ohnmacht, meine Migräne-Sterne flimmerten mir vor den Augen, und ich hörte sie nur ganz fern etwas reden von dem, was die Männer bis in hohe Alter brauchen würden und was ihr mit ihm immer Spaß bereitet habe, und dass ich ihretwegen die Verbindung ruhig weiter fortführen könnte, und vieles mehr, was ich gar nicht mehr verstand.

Ich schrie sie an, dass ich keine Lust hätte, dieses Dreiecksverhältnis weiter aufrecht zu halten. Sie schwieg einen Augenblick, dann kicherte sie widerlich und sagte: Dreiecksverhältnis ist gut, - hat er Ihnen nie erzählt, dass seine Frau immer noch in der DDR lebt und so bald wie möglich rüberkommen will, sobald sie in Rente geht? Meinen Sie, mir paßt das?

Machen Sie, dass Sie rauskommen! habe ich gebrüllt und sie zur Tür geschoben. Erst habe ich nur geheult, dann habe ich Karl im Altersheim angerufen. Er war furchtbar wütend, nannte sie eine undankbare Schlampe. Er gab zu, dass er immer noch verheiratet ist, dass seine Frau aber niemals daran denken würde, in den Westen zu kommen. Seine "Tochter" hätte wohl nur Angst um ihr Erbe. Ja, er hätte früher ein Verhältnis mit ihr gehabt, aber das sei alles vorbei, seit er mich kennt. Alles andere sei Lüge!

Wir müßten über alles reden. Er wird am Dienstag kommen, wenn sein Auto aus der Werkstatt kommt.
Ich sagte, ich kann dich morgen in Brome besuchen.
Nein, wehrte er ab. Ich fahre morgen mit dem Bus zu ihr nach Hankensbüttel. Ich habe aufgelegt und bin nach Haus gegangen, in mein hässliches, dunkles Kabuff bei Raschkes. Was will er bei ihr? Mit ihr schnell noch einmal ins Bett gehen? Mit ihr besprechen, wie sie sich aus der Lage herausziehen wollen? Jetzt spielen alle mit mir.

Albert will das Haus. Karl will mich für das, was die Männer bis ins hohe Alter brauchen, seine "Tochter" ist seine Geliebte und möchte mich am liebsten beseitigen, nur meine Ilse, die vielleicht die einzige ist, die es immer ehrlich mit mir gemeint hat, wurde von mir hintergangen. Sie weiß nichts von Karl und nichts vom Testament. Es ist zu spät, ihr alles zu erklären ...

Weiterempfehlen Drucken Quelle: Ilse Brandt/Autorin von "Petticoat und Pferdeschwanz- Bodenteicher Tagebücher 1956-1964".
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