15 Hätte Mutti Tagebuch geschrieben: Ich habe Angst

15.10.1957
Ich bin wieder zu Hause in Bodenteich. - Drei Wochen war ich zur
Untersuchung im Kreiskrankenhaus. Nach 10 Tagen war das Ekzem
abgeklungen und ich wollte nach Haus. Aber der Oberarzt hat lange
mit mir gesprochen und meinte, das käme alles von den Nerven. Ich
würde mir zu viel Sorgen machen, um die Zukunft mit meiner Tochter.
Bei Ilse würden jetzt die Flegeljahre beginnen und in diesem Alter
würden auch leibliche Kinder ihren Eltern hin und wieder Kummer
bereiten. Ich sollte mal eine Weile in eine psychiatrische
Behandlung, man müßte der Sache auf den Grund gehen.
Ich soll in eine Irrenanstalt! Ich bin doch nicht verrückt! Noch
nicht! Ich habe ihm viel zu viel von mir erzählt! Niemanden geht
das was an, was in mir so tief und so schwer auf der Seele liegt.
Ach, könnte ich doch noch hin und wieder neben Oma Luise sitzen und
ihr zuhören...
Friedrich ist so lieb zu mir, obwohl ich mich im Augenblick selber
nicht ausstehen kann. Bei der kleinsten Gelegenheit fange ich an zu
weinen und verkrieche mich ins Bett.
Ilse hat mit ihren 13 Lebensjahren vorbildlich den Haushalt
geführt, als ich im Krankenhaus war. Sie hat Wäsche gewaschen,
gekocht, und in der Tankstelle bedient, wenn Friedrich eine
Taxifahrt hatte. Viele andere Mütter wären dankbar, wenn sie so ein
selbständiges und fleißiges Töchterchen hätten und ich denke
immerzu nur daran, dass sie uns irgendwann einmal verlassen wird.
Ich habe Angst, dass sie eines Tages die Wahrheit erfährt und ihre
richtige Mutter suchen wird. Die wird dann natürlich ganz lieb und
verständnisvoll zu ihr sein...
Und ich stehe da als böse falsche Mutter, die streng ist und
altmodisch. Die das Beste für das Kind wollte,
aber vielleicht nur das Beste für sich selbst..?
Dr. Hinze hat gesagt, meine traurige Stimmung käme von den
Wechseljahren. Das würden alle Frauen mitmachen. -
Und dann immer dasselbe: Sie haben so einen lieben Mann und eine
reizende Tochter, freuen Sie sich an Ihrer Familie! Seien Sie nicht
so undankbar! Was sollen die vielen Flüchtlingsfrauen sagen, die
ihre Männer und Kinder im Krieg verloren haben....Ich kann das
nicht mehr hören!
Ich weiß, dass ich keinen Grund habe, traurig zu sein,
aber ich kann doch nichts dafür, wenn meine Tränen so schnell
fließen, wie jetzt auch wieder...
Schlaftabletten soll ich nehmen, damit ich wieder durchschlafen
kann. Seit Montag habe ich das befolgt.
Morgens bin ich ganz benebelt von dem Zeug. - Friedrich deckt für
mich den Frühstückstisch ab und sagt ganz lieb: Leg dich einfach
noch ein bißchen ins Bett, und dann wache ich erst zu Mittag auf.
Ich fühle mich nutzlos, weil nichts gekocht ist, wenn Ilse aus der
Schule kommt. Das kann doch nicht so weiter gehen, ich werde die
Tabletten nicht mehr nehmen.
November 1957
Ich habe eine andere Sorte loser Tabletten von Dr. Hinze gekriegt.
Er meint, damit würde ich schneller einschlafen und am Morgen nicht
so benommen sein. Anstatt dessen kriege ich Herzklopfen und
Atemnot. Friedrich ist so lieb. Trotzdem! Heute hat er die letzten
Blumen aus dem Garten geholt und auf meinen Platz gestellt. Dann
fühle ich mich ganz scheußlich, wenn er mich umarmt, so zärtlich
ist, mich ganz lieb trösten oder mit mir schmusen möchte, - ich mag
das alles nicht, - nicht im Augenblick. Ich fühle, dass ich nicht
so bin, wie früher. Ich habe Angst und weiß nicht wovor. - Ich
denke so oft an Oma Luise und an meine häßlichen Gedanken, wenn sie
wieder ins Bett gemacht hatte. Ich denke an die hübsche junge Frau,
die sich als Ilses Mutter vorstellte und die ich aus dem Haus
gejagt habe... Und ich denke an das, was ich mit 19 getan
habe...
Schau mal, wie hübsch das Herbstlaub aussieht, sagt Friedrich. Aber
ich kann mich nicht darüber freuen, denn ich habe Angst vor dem
Winter, wenn meine Hände beim Tanken frieren und ich mit eiskaltem
Wasser die Autoscheiben putzen muss. Wenn ich die Öldosen aufmachen
muss und den Öffner nicht halten kann. Wenn ich das Luftdruckgerät
nicht bedienen kann, weil meine Finger klamm und kalt sind.
Weiterempfehlen
Drucken
Quelle: Ilse Brandt/Autorin von "Petticoat und
Pferdeschwanz- Bodenteicher Tagebücher 1956-1964".
Das spannende Buch für 3 Generationen und ein Geschenk für viele
Gelegenheiten! Noch nicht überzeugt? - Schauen Sie nach auf
sites.google.com! Erhältlich im guten Buchhandel und im
Internet bei libri.de und amazon.de.
3 Kommentar(e)
Amicelli schrieb vor 141 Tag(en) 18 Stunde(n) 50 Minute(n)
,,,endlich
....gehts weiter! :))
Bin schon sehr neugierig!
schutzi schrieb vor 138 Tag(en) 20 Stunde(n) 54 Minute(n)
Achtung !
Nr. 14 ist schon archiviert und kann nachgelesen werden!










redaktion schrieb vor 141 Tag(en) 22 Stunde(n) 28 Minute(n)
ab jetzt ...
geht es wieder wie gewohnt weiter - jeden montag erscheint ein neues kapitel von ilses hätte mutti tagebuch geschrieben-geschichten, unser system hatte sich verschluckt und der erste bh von ilse hatte sich über unsere augen gelegt ;-) - verzeiht bitte die unterbrechung - ein vergnügliches weiterlesen in folgen! die sk-redaktion