Frühlingserwachen im Generationenkonflikt

Gestützt auf seinen Gehstock steht der Altbauer am Fenster und schaut hinaus in den Garten. Die Frühlingssonne spiegelt sich in den Fensterscheiben und draußen im Garten hört man das erste Vogelgezwitscher.
Der alte Herr ist schon sehr gebrechlich - nur seine lebhaften,
wachen Augen verraten, dass er im Herzen jung geblieben ist. "Heute
können wir es wagen!“, bedächtig sagt der alte Mann das. Der
Knabe im Zimmer hält inne und überrascht schaut er seinen Großvater
an. Neugierig stellt er dann die Gegenfrage: "Was, Großvater,
können wir heute wagen? Vielleicht gemeinsam ein Abenteuer
erleben?“ "Möglicherweise könnte es eines werden.“,
antwortet dieser vorsichtig. "Ja, aber was?“, fragt dann der
Enkel schon etwas ungeduldiger und dabei schaut er erwartungsvoll
seinen Großvater an. Zögernd antwortet dieser: "Hinters Haus, auf
der Sonnenseite, könnten wir beide bei der Hausmauer auf dem Bankl
sitzen und die warme Frühlingssonne genießen.“ "Aber das
Abenteuer, wo finden wir das, Opa?“, sagt der Junge fragend.
Als Antwort bekommt er gesagt: "Wir könnten die Natur, die voller
Wunder ist, beobachten, wie sie jetzt im Frühling erwacht. Die
Knospen der Bäume sprießen und treiben. Die aufgehende, keimende
Saat durchbricht den Ackerboden. Es treibt, keimt, sprießt und
wächst. Gar die Bäume schlagen aus. Höllisch aufpassen muss man,
dass sie einen nicht treffen!“, antwortet der Alte
schmunzelnd dem Buben.
"Oder überdenken wir es noch einmal und machen es morgen?“,
fragt er dann lauernd den Knaben und ein schelmisches Grinsen
umspielt seine Mundwinkel. Mutig antwortet dieser: "Opa, war es im
Frühling, als du deine Zähne verloren hast, weil der Baum hinter
dem Haus nach dir ausgeschlagen hat?“ Die Augen des Kindes
funkeln gleich listig wie die vom Großvater und dann spricht er
weiter: "Droben beim Waldrand habe ich schon die Schneerosen blühen
gesehen. Da hab ich ja wohl Glück gehabt, dass ich mich nicht
gerade dort aufgehalten habe als die Blüten aus dem Boden
geschlagen sind!“ "Ich merke schon!“, sagt dann der
Großvater lachend. Wir beide verstehen uns prächtig. Komm, gehen
wir in den Garten und genießen gemeinsam das
Frühlingserwachen!“
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Quelle: Hildegard Stauder/Villach











