Der KOLOSS von RHODOS . 2.Teil

Der Helios von Rhodos war nur in Teilen zu gießen. Diese Teile seien, so ist überliefert, über gewaltige Erdaufschüttungen hochgebracht und montiert worden. Das Standbild des Sonnengottes war natürlich hohl. Eisenklammern hätten Halt gegeben, Felsbrocken die unteren Teile so beschwert, dass die Riesenstatue nicht das Übergewicht habe bekommen können.
Der Kopf des Helios sei unverhältnismäßig groß gewesen.Eine
spätere Quelle behauptet, er habe ein Fassungsvermögen für 22 Fuder
Weizen gehabt. (Das Fuder wird verschieden definiert: zwischen 75o
und 1950 Liter, also 1.ooo Liter im Schnitt. Das wären also 22 cbm
Inhalt.) Dass der Kopf des Helios größer als normal dimensioniert
gewesen sein muss, ist leicht verständlich. Bei der Höhe des
Standbildes konnte er nur so in natürlicher Größe erscheinen. Das
Antlitz und die siebenstrahlige Krone des Sonnengottes waren
vergoldet. Der Koloss sei seiner Riesenhaftigkeit wegen
"überwältigend, wenn auch nicht gerade liebenswürdig " erschienen.
Über die Haltung der Arme und Beine ist in den antiken
Schilderungen nichts gesagt: Weder, dass der Sonnengott eine Fackel
oder Pfanne als Leuchtfeuer hoch über den Kopf gehalten hätte,
noch, dass er breitbeinig über der Hafeneinfahrt gestanden sei. Das
eine wie das andere wäre etwas Außerordentliches gewesen, ein so
entscheidendes Abweichen vom Herkömmlichen, dass man es nicht als
selbstverständlich übergangen hätte. Es ist übrigens auch nicht von
zwei Sockeln die Rede, nur von einem.
Sind die effektvoll gespreizten Beine somit ein reines
Phantasieprodukt aus dem 16. Jahrhundert n. Chr., der beginnenden
Neuzeit? Das wiederum wäre zuviel behauptet. Die alten Texte sind
so und so auszulegen. Auf der Weihe-Inschrift, so ist überliefert,
habe gestanden: "Fest auf der Erde erbaute es das rhodische Volk,
und hoch überm Meere, dass er ein herrliches Licht fronloser
-Freiheit ihm sei ". Das " hoch überm Meere " muss nicht "am Wasser
", es kann "auf einem erhöhten Punkt auf der Insel " bedeuten. Das
"herrliche Licht" braucht nicht als Leuchtfeuer interpretiert zu
werden; der Verfasser der Inschrift kann das vergoldete Gesicht des
HELIOS damit gemeint haben. Wohl gibt es ein Wort des PLUTARCH,
danach Statuen besonders eindrucksvoll erscheinen, wenn sie eine
Person mit weitem Schritt darstellten.Plutarch erwähnt das im
Zusammenhang mit "Kolossen ", wenn auch ganz allgemein. "Koloss "
ist aber ursprünglich ganz einfach mit "Bildsäule " zu übersetzen;
erst das mächtige Standbild des Rhodos gab dem "KOLOSS" die
Bedeutung des Riesenhaften, eben des KOLOSSALEN.
Wahrscheinlich war der Sonnengott unbekleidet dargestellt.
Möglicherweise hat er eine Lanze, vielleicht auch einen Bogen
gehalten, dazu den Köcher mit Pfeilen getragen. Dass man im Innern
der Statue bis zum Hals habe emporsteigen können, wird später
berichtet. Es könnte wohl so gewesen sein. Im MÜNCHENER
Bronze-Kolossalstandbild der Bavaria, 185o von SCHWANTHALER
geschaffen, ist bei nur 20,50 Meter Höhe genügend Platz für eine
Wendeltreppe, im Kopf der Bavaria für eine Sitzbank. Anzunehmen
ist, dass der Weltwunder-Koloss als riesenhaftes Weihegeschenk auf
einem erhöhten Punkt über der Stadt stand, um so schon von weitem,
vom Meer her sichtbar zu sein: Ein kraftvoller Helios, der
vielleicht ausschritt, wenn auch nicht allzu eilig,da eben dies
seine Würde verletzt hätte.
Das Schicksal des vielbestaunten Weltwunders ist bekannt: Nur 66
Jahre nach seiner Fertigstellung, 224 v. Chr. stürzte ein Erdbeben
den Koloss um. STRABON berichtet, er sei an den Knien abgebrochen.
Man habe ihn liegengelassen; ein Orakelspruch habe von der
Wiederaufrichtung abgeraten. Auch der gestürzte Koloss gilt Strabon
noch "als eine der Sieben Sehenswürdigkeiten ". PLINIUS betont, der
Sonnenkoloss errege "selbst so noch im Daliegen das Staunen aller,
die ihn sehen ". Wie immer gibt er prägnante Einzelheiten: den
Daumen könnte man kaum umfassen, die Finger seien größer als
normalgroße Statuen. In den abgebrochenen Gliedern hätten weite
Höhlungen gegähnt. Man habe die Felsblöcke, mit denen der Koloss
von innen her ausbalanciert war, sehen können. In 12 Jahren sei der
Koloss fertig gestellt worden. Er habe 3oo Talente gekostet. das
wären heute an die 2 Millionen Mark und Millionen von heutiger
Geldwährung, dem EURO. Auch diese Schilderungen sprechen dafür,
dass der Koloss an bevorzugter Stelle, auf einer Höhe über der
Stadt, vielleicht auf dem höchsten Punkt, nicht aber über der
Hafeneinfahrt gestanden hat.
Ein knappes Jahrtausend ist der gefällte Riese an Ort
und Stelle liegen geblieben. Dann erst, nach der Eroberung der
Insel durch die ARABER 653 n. Chr. war sein endgültiges Ende
gekommen. Die stehen gebliebenen Reste wurden vom Sockel gerissen,
die Erzmasse in 900 Teile zerlegt, auf Kamele geladen und zum
einschmelzen nach Syrien verschickt. Wenn der Koloss auf der
Hafenmole errichtet gewesen wäre, hätte er wohl ins Wasser
stürzen müssen. Die Trümmer hätten die ein- und ausfahrenden
Schiffe gefährdet; man würde sie geborgen haben. Auf der
Molenspitze wären sie sehr im Wege gewesen. Auch hätten die
arabischen Schrotthändler dann kaum Kamele bemühen müssen, um das
Erz zum Hafen zu bringen. Noch ein Indiz,dass der Koloss nicht über
der Hafeneinfahrt gestanden hat: Der Konkurrenz-Koloss des NERO ist
in der Stadt Rom, nicht über der Einfahrt zum
Hafen Rhodos in Ostia, aufgestellt worden.
Bisher hat man den Koloss von Rhodos auf keiner Münze gefunden. Das
ist leicht zu erklären: auch die Abbildung des thronenden ZEUS von
OLYMPIA hat in der Verkleinerung auf einer Münze nicht befriedigen
können; Das Monumentale versagt sich dem Münzbild. Man hat sich
nach einem missglückten Versuch damit begnügt, fürderhin nur mehr
das Gesicht des olympischen Zeus auf Münzen wiederzugeben. Der
Koloss von Rhodos war dreinhalbmal so groß wie der Zeus von
Olympia, dabei weniger auf das Majestätische als auf das
Riesenhafte hin gestaltet. Also wird man hier nicht anders
verfahren haben. Die Vermutung liegt nahe, dass der Helioskopf auf
den rhodischen Münzen, der kraftvoll sogar etwas grob
erscheint, den Kopf des Weltwunders wiedergibt. Diese Münzen
könnten sogar zur Feier der Einweihung geprägt worden sein. Dass
das Rätselhafte nirgendwo ganz gelöst werden konnte, trägt mit zur
Faszination bei, die der lange verschwundene KOLOSS von RHODOS bis
auf den heutigen Tag ausübt.
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Quelle: Erna Mayer
Hobby-Redakteurin











