DER KOLOSS von RHODOS. 1. Teil

Erwägt man die Frage, welche Weltwunder unter den Sieben des Altertums die Phantasie der Menschen bis auf den heutigen Tag am meisten beschäftigt hat, wird man wohl immer auf zwei zurückkommen: Das älteste Weltwunder, die 45OO Jahre alten Großen Pyramiden Ägyptens und das jüngste und letzte,der Koloss von Rhodos, der ungefähr halb so alt ist.
Dass die Pyramiden, in wenigen Flugstunden erreichbar, fast zum
Symbol des Touristen, der großen Jedermanns-Reise geworden sind,
haben ihren Nimbus nicht geschmälert. Trotz der tausend Bilder, die
man gesehen hat, ist die Wirklichkeit überwältigend. Zudem haben
die Mutmaßungen nicht aufgehört: Um die Bedeutung der
Pyramidenmaße,um Geheimnisse,die vielleicht immer noch unentdeckt
sich im Innern eingeschlossen finden könnten, um den hartnäckig
behaupteten, wenn auch längst widerlegten "FLUCH des PHARAO".
Der Koloss des Rhodos erscheint demgegenüber sehr viel weniger
geheimnisvoll. Dennoch haben sich die Menschen der Neuzeit, die
Kinder der Technik, von den Fragen, die seine Existenz aufwirft, in
besonderem Maß anziehen lassen. Auf den Werbeplakaten der
Reisebüros erscheint der Koloss von Rhodos wie eine
Sehenswürdigkeit, die noch zu besichtigen ist, obschon niemand
ernstlich behauptet, er sei noch zu sehen. Eben dies macht einen
Teil der Faszination aus, die von dem viel abgebildeten
Riesenstandbild ausgeht: Niemand hat ein, wenn auch noch so kleines
originales Stück des verschwundenen Kolosses ausfindig machen
können oder doch so etwas wie einen Fußabdruck der übermächtigen
Digur zu entdecken vermocht. Dennoch werden alljährlich viele
tausend Postkarten mit dem berühmten Bild in alle Welt versandt,
viele tausend "kleine Kolosse " als Reiseandenken mit nach Hause
genommen.
Es gibt offizielle Briefmarken mit dem Bild des Kolosses. Auch
bestehen ernsthafte Pläne, eine Nachbildung des verschwundenen
Weltwunders an Ort und Stelle aufzurichten. Eine möglichst
originalgetreue Nachbildung soll es sein, die freilich nicht mehr
aus schwerem Erz,vielmehr aus Aluminium,dem leichten Metall unseres
Jahrhunderts, gegossen würde. Eine Hollywood-Idee, das monumentale
Werk von Filmarchitekten ! Dass der neue Koloss dem Winddruck zu
widerstehen vermöchte, wird versichert.Auch mache es für das Auge
keinen Unterschied, ob Erz oder eloxiertes Aluminium. Man habe ja
auch die Kuppel des ehrwürdigen Felsendoms zu Jerusalem damit
gedeckt und den Seidenglanz der alten Vergoldung von einst mit
modernen Mitteln recht gut getroffen. Entrüstet malen demgegenüber
die Gegner des Projektes aus, wie sehr ein nachgemachter Koloss
enttäuschen müsste. Wie immer man ihn gestalten würde, die
Phantasie wäre eingeengt, auf ein endgültiges Bild festgelegt. Das
staunenswerte Weltwunder würde eben doch nur in einer schlechten
Imitation greifbar sein, einer riesenhaften Jahrmarkts-Sensation,
einer Kulissenexistenz, die keine Patina gewinnen kann, vielmehr
korrodierend dem
Abwracken entgegensehe. Sodann: WO eigentlich wolle man den Koloss
aufstellen?
Tatsache ist, dass man nicht weiß, wo der Koloss von Rhodos
wirklich stand. Auch kann trotz zahlreicher Schilderungen niemand
sagen, wie er ausgesehen hat. So gut wie sicher aber ist es, dass
er anders aussah, als er heute allgemein dargestellt wird. Die
Heutigen berufen sich gerne auf FISCHER von ERLACH, dem berühmten
Architekten des Barock, der die WIENER KARLSKIRCHE gebaut und der
die SIEBEN WELTWUNDER, wie er sie sich vorstellte,meisterhaft
gezeichnet hat. Beim Rhodischen Koloss folgte Fischer von Erlach
der seit Jahrhunderten traditionellen Vorstellung, die zwar sehr
reizvoll, aber leider falsch ist. Viele Bewunderer werden es
enttäuscht hören. Der Koloss von Rhodos stand keineswegs in der
herausfordernden und großartigen Pose breitbeinig über der
Hafeneinfahrt von Rhodos,so, dass ein- und auslaufende Schiffe
unter ihm durchfahren mussten. Das hat, so weit bisher bekannt, als
erster 1481/96 ein Belgier namens GUILLAUME CAORSIN in seiner
"HISTORIA von RHODOS " behauptet. Der Koloss habe " die bein wyth
von einander uffgethon und ussgestrecket, also das kain
schiff groß oder klein mocht in die port kommen anders dann
zwischen den beinen ". ANDRE THEVET hat dann rund 5o Jahre später
in seiner "COSMOGRAPHIE DE LEVANT " den Koloss so gezeichnet und
dieses Bild des spreizbeinigen Riesen über der Hafeneinfahrt war so
eindrucksvoll, dass fürderhin kein Künstler mehr von dieser
Vorstellung loskommen wollte. Schon vor 2200 Jahren ist der Koloss
umgestürzt; die Bruchstücke lagen dann rund 900 Jahre lang zur
freien Besichtigung da. Zur Zeit des Belgiers aber, der als erster
die Breitbeinigkeit behauptete, waren die Trümmer längst
verschwunden, damals vor mehr als 8oo Jahren schon abtransportiert.
Man muss sich also wohl, wenn man Authentisches erfahren will, an
sehr viel ältere Zeugnisse halten.
Wen stellte das WELTWUNDER überhaupt dar? Zur Beantwortung dieser
Frage muss man die griechische Sagenwelt bemühen. Danach verdankt
Rhodos, die rund 2o km von der türkischen Küste entfernte Insel,
ihr Dasein einem verspäteten Schöpfungsakt: Zeus hatte die ERDE an
die GÖTTER verteilt; der Sonnengott HELIOS war dabei leer
ausgegangen. HELIOS, der sein strahlendes Gespann jeden Tag über
den Himmel lenkte, war unabkömmlich gewesen. So hatte man ihn
vergessen. Er reklamierte und verlangte entschädigt zu werden.Aus
großer Höhe, so erklärte er ZEUS, habe er tief unter Wasser eine
herrliche Insel vorgezeichnet gesehen. Wenn Zeus sie an die
Meeresoberfläche heraufholen und ihm zuteilen wolle, würde er,
HELIOS, sich damit zufriedengeben. Zeus vollbrachte das und HELIOS
übernahm die nachgeborene Insel als Eigentum. So berichtet es
PINDAR, der Dichter. Nach der Sage vermählte sich HELIOS mit einer
Tochter des OKEANOS, der NYMPHE RHODE; sie gab der Insel den Namen.
Sieben Söhne hatten sie und einer dieser sieben hatte wiederum drei
Söhne: IALYSOS, KAMEIROS und LINDOS, die begründeten die Städte
dieses Namens. Später erst erkannte man, dass an der nördlichen
Spitze der Insel der ideale Ort für eine Hafenstadt wäre. Man
unterstellte sie dem besondern Schutz des Sonnengottes. Es sollen
ihm an die hundert Bildsäulen in Rhodos, das innerhalb von drei
Generationen zur reichen Stadt aufblühte, errichtet gewesen sein.
Der wachsende Wohlstand rief im Jahr 305 v. Chr. einen
kleinasiatischen DIADOCHEN auf den Plan, DEMETRIUS POLIORKETES, den
gefürchteten Städte-Eroberer,der bereits ZYPERN geplündert hatte.
Die erschreckten Bewohner von Rhodos besetzten die Mauern der
Stadt. Sie verteidigten sich mit dem Mut der Verzweiflung. Ihrem
Gott Helios gelobten sie, wenn er sie schütze, ein riesiges
Standbild zu errichten, das alle anderen in den Schatten stellen
würde. Tatsächlich musste DEMETRIOS, der sehr siegessicherer
angerückt war, abziehen. Das Belagerungsmaterial ließ er zurück.
Die Rhodier verkauften es mit Gewinn. Zusammen mit den Spenden, die
der allgemeinen Erleichterung folgten, konnte man das Versprechen
großzügig einlösen. CHARES, ein vielgerühmter rhodischer Künstler,
erhielt den Auftrag, das Riesenbild des HELIOS zu gießen und
aufzurichten. Der Erzgießer entledigte sich dieser Aufgabe auf
überzeugende Weise.Stolz signierte er sein Bronzestandbild: "Wie
den Koloss du siehst, in 8o Ellen Höhe, erschuf ihn CHARES einst,
der geborene LINDIER." 8o Ellen, das sind 35 Meter Höhe.
Die FREIHEITSSTATUE vor dem NEW YORKER HAFEN, die dem Koloss
nachempfunden sein dürfte, misst 46 Meter. Die überlieferte Höhe
stimmt auch mit den Maßen überein, die für einen konkurrierenden
Koloss angegeben sind. KAISER NERO ließ ihn in ROM errichten; er
wollte das rhodische Weltwunder damit übertrumpfen. Der römische
Helios war 35,4o Meter hoch. Er stand auf einem 11,6o Meter hohen
Marmorsockel.
2. Teil folgt.
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Quelle: Erna Mayer Hobby-Redakteurin











