Das Inserat

27.08.2007
Er besitzt unbestritten vielseitiges Talent. Beruflich ist er
erfolgreich, verlässlich und auch einigermaßen teamfähig. Mit
seinen 43 Jahren ist er ein Mann, von dem man annimmt, auch ohne
Klavierspiel, Glück bei den Frauen zu haben.
Gustav ist modern gekleidet und würde niemals weiß besockt in seine
Sandalen schlüpfen. Auch hat er, dem Trend der Zeit entsprechend,
seinen Haarwuchs aus jenen Reservaten verbannt, die zwar von der
Natur an diesen Stellen vorgesehen sind, von den Damen heutzutage
aber nur allzu oft abgelehnt werden. Kurz und gut, Gustav sollte
eigentlich der Traummann für Damen ab 30 sein.
Sollte!
Der Gedanke, dass dem nicht so ist, war aber immer sein
ständiger Begleiter. Gustav hat in der Nähe von Frauen regelrechte
Lähmungserscheinungen. Vielleicht liegt es daran, weil er ohne
schwesterliche Nervensäge aufgewachsen ist, sodass er nun die
Frauen für engelsgleiche Wesen hält, denen man sich nur mit
unendlicher Behutsamkeit nähern könnte?
Nun, Gustav ist natürlich nicht von gestern und er weiß freilich,
dass es auch Frauen gibt, deren Gewöhnlichkeit kaum zu überbieten
ist. Nein, seine Sprachlosigkeit tritt ausschließlich dann ein,
wenn er auf Frauen trifft, mit denen er nur zu gerne in ein
Naheverhältnis treten würde. Frauen aber, die solch gehemmtes
Verhalten "ganz einfach süß" finden, sind deren wenige. Gustav
jedenfalls, hatte nie das Glück, einer dieser Märchenfeen zu
begegnen. Vielmehr ist es doch so, wie überall in der Natur: Das
stärkste Geweih und das lauteste Gebrüll, zieht die
sendungsbewusste Weiblichkeit nach wie vor in ihren Bann.
Bist auch du auf der
Suche nach dem Glück
bisher allein und enttäuscht
auf der Strecke geblieben.....
Gustav ist heilfroh, diese schwülstigen Worte nicht direkt an eine
Frau richten zu müssen. Nun aber, mittels Inserat, scheint diese
erste Kontaktaufnahme geradezu ein Kinderspiel zu sein. Vor allem
ist eine peinliche persönliche Absage so gut wie unmöglich. Die
Vorstellung, es könnten gleich mehrere einsame Frauenherzen seinem
Lockruf nicht widerstehen, läßt sein Selbstbewusstsein geradezu
senkrecht nach oben schnellen.
.....Wer weiß, vielleicht kann
mehr draus werden.
Ein sehnsüchtiger
Kuschelbär
fügt er noch viel versprechend für Damen hinzu, welche gerne ihre
häusliche Couchlehne mit Puppen und anderem Getier schmücken.
Jetzt, da die Netze ausgelegt sind, tritt erwartungsvolle Spannung
in Gustavs Leben. Freilich ist ihm bewusst, dass dieser erste
Schritt der Anbahnung, zugleich auch der leichteste gewesen ist. So
geht er daran, ein erstes Treffen generalstabsmäßig vorzubereiten.
Frei nach dem Motto, der erste Eindruck sei der beste, tut er auch
sein Bestes, um aus dieser Begegnung mit der Zweiten Art als
eindeutiger Sieger hervorzugehen.
Die Bildzuschrift von Uschi trifft exakt 2 Wochen nach Aufgabe von
Gustavs Inserat bei ihm ein. Er ist begeistert. Das Bild zeigt eine
hübsche Frau um die dreißig mit ausdrucksvollen Augen und leicht
spöttischem Zug um den schönen Mund.
"Hallo Kuschelbär, ich komme. Du wirst überrascht sein", steht im
beiliegenden Brief.
Schon eine Viertelstunde vor der vereinbarten Zeit, steht er mit
Blumen in den feuchten Händen am Treffpunkt. Kein einziges Wort,
das er sich für die Empfangszeremonie ausgedacht hat, will ihm mehr
einfallen.
Ein Taxi hält 50 Meter vor ihm. Der Fahrer steigt aus und hebt
einen faltbaren Rollstuhl aus dem Kofferraum. Eine junge Frau
schwingt sich geschickt aus dem Taxi und nimmt Platz im Rollstuhl.
Zielstrebig treibt sie ihr Gefährt in Richtung des total verdutzten
Gustav. Je näher sie an ihn herankommt umso breiter wird ihr
spöttisches Lächeln: "Hallo Kuschelbär, wartest du schon lange?"
Gustav hatte nie mehr ein Problem mit Frauen. Ganz im Gegenteil, er
war endlich am Ziel seiner Wünsche angelangt.
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Quelle: roto - Seniorkom Hobby Redakteur
2 Kommentar(e)
rosalinde, 27.08.2007 12:00
Ein Suchender
Lieber roto, ich sitze gerade in Italien in einem
Internetcafe'und bin zufälllig auf deine Geschichte gestossen.
Köstlich!
Da deine bisherigen Werke eigentlich nur autobiografisches
wiedergeben, nehme ich an, daß auch dieser Erzählung selbsterlebtes
zugrunde liegt. Ich weiß nur mit Sicherheit,daß du kein Kuschelbär
bist, aber sonst???












gabi1, 27.08.2007 10:43
kuschelbär
ach roto,
deine weißbesockten schwesterlichen nervensägen versetzen meine zwerchfellenden noch immer in leichte schwingungen.
und erst dein herzzerreißendes inserat! wäre mir dieser hilfeschrei vor (???) jahren in die augen gefallen, ich hätte den besten aller ehemänner an meiner seite gegen dich getauscht.
gabi