Auf dem Jakobsweg

22.06.2007

Vor vielen Jahren schon hatte ich mir vorgenommen, diesen Pilgerweg zu gehen, falls es mir gelänge, meine Arbeitsjahre einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Nicht um noch mehr zu büßen, vielmehr um nach beinah 60 Jahren "Sitzhaft" wirklich einmal die totale Freiheit zu genießen, aber auch um nachdenken zu können "Und was nun?".

Vom ersten Schultag an, bis zu meiner Pensionierung, habe ich mein Leben sitzend verbracht. Kann überhaupt jemand dieses untertänige Sklavendasein mehr hassen als ich das tat? Mein letzter Arbeitstag war somit für mich auch gleichzeitig der schönste Tag in meinem Leben. Unabhängig und frei zu sein habe ich mir immer gewünscht.

Der Weg war frei. Von St. Jean Pied de Port an der französischen Grenze bis Santiago de Compostella wollte ich gehen. Leicht war das nicht. Die vorgängigen Trainingsmärsche waren nur ein ganz kleiner Vorgeschmack auf die Strapazen, die mich erwarteten. Nicht ganz unverschuldet: mein Rucksack wog anfänglich dreizehn Kilo, acht hätte er nur haben sollen. Dabei habe ich die vorgeschlagene Packliste doch peinlich genau befolgt - bis auf ein paar Kleinigkeiten.

Mit dem Zug, von Biaritz/Bayonne kommend erreiche ich St. Jean Pied de Port. Dann, ausgerüstet mit Pilgerpass, Reiseplan, Skizzen und Herbergsadressen für den ganzen Weg, ziehe ich los. Die erste Nacht im "refugio“ – so nennen die Spanier die Pilgerherbergen – ist schon die Einführung zurück in das einfache Leben. Wir schlafen in der Turnhalle eines Schülerheims: 60 Stockbetten nebeneinander, ein paar Waschbecken, ein paar Toiletten, sonst nichts. Doch im eigenen Schlafsack fühlt man sich geborgen. Zu essen gibt es an diesem ersten Abend nichts mehr. Viele Pilger sind zu spät angekommen. Vor lauter Müdigkeit hört man auch gar keine Schnarcher mehr.

Am nächsten Morgen, nach einem frugalen französischen Frühstück, begeben wir uns auf den gut markierten Pilgerweg. Anfangs erscheint mir das kinderleicht. Die Landschaft ist wunderschön. Doch nach 15 Kilometern drückt mich dieses Rucksack-Ungetüm schon sehr nieder. Die Pausen werden häufiger. Der Roncevaux- Pass ist noch in weiter Ferne: mindestens zehn Kilometer. Immer steiler wird der Weg, teilweise geht er entlang der Strasse. Ich muss wohl schon recht langsam geworden sein. Ein Auto hält neben mir, mit französischem Nummernschild. Eine Dame steigt aus, streckt mir die Arme entgegen und ruft: “Vous venez avec nous? Vous me donnez votre sac?“ (Kommen Sie mit uns? Geben Sie mir Ihren Rucksack? ) Ich bin sprachlos. Meine Sachen werden verstaut, und ab geht’s: ganz pilgerunmässig. Aber ich bin selig und kann gar nicht glauben, dass es auf dieser Welt noch so aufmerksame und noch dazu unterhaltsame Menschen gibt. Auf der Passhöhe steige ich aus. Meine Gastgeber lehnen meinen Kostenbeitrag entschieden ab und wünschen mir einen "buen camino“ (guten Weg).

Voller Zuversicht schlafe ich in der 120-Betten Herberge, in einem riesigen Kloster auf dem Roncevaux-Pass, meinem zweiten Tag entgegen. Am Morgen regnet es aber in Strömen, den ganzen lieben langen Tag. Unsere Regenmäntel sind ganz nutzlos. Der Wind bläst allen Schutz beiseite und sehr bald sind wir nass bis auf die Haut. Es regnet nicht einfach, es schüttet. Der Weg wird immer steiler, bergauf wie bergab. Mein unsäglicher Rucksack drückt mich nieder, die Füße schmerzen, die Luft geht mir aus. Dabei sind wir höchstens erst in der Hälfte der 25 km-Strecke. Ich fange schon langsam an zu wanken und überlege, ob ich mich hinsetzen soll und weinen oder einfach sterben. Ich habe aber bestimmt nicht laut gedacht, das weiß ich genau. Ein Mann überholt mich, sieht mich an und grüßt.“ Hola! Ché tal“ ? Einen Moment lang sehe ich ihn sprachlos an, aber der Mann hält mir schon seinen winzigen Rucksack entgegen und sagt: "Cambiamos?“ (Tauschen wir?). Er hilft mir schon aus den Trägern. Halluziniere ich? Aber nein, der Mann lacht mich freundlich an und stapft schon weiter. Wir wechseln ein paar holprige Sätze in Spanisch, dann in Englisch. Bis ich schließlich frage: "Ma su lengua materna?“ (Ihre Muttersprache?) "Aléman“ sagt mein Sherpa und ich pruste los. So ein "Zufall“ oder Fügung? Die Pilger kommen aus aller Herren Länder, aber ausgerechnet mir begegnet ein deutscher Schutzengel. Er trägt meinen Rucksack bis in die Herberge und ist kaum zu einem Kaffee zu überreden, denn er muss noch 5 km weiter in die nächste Herberge. Zweimal noch begegne ich ihm auf dem Weg nach Santiago. Es scheint ihm das Selbstverständlichste von der Welt, mir geholfen zu haben. Ich hatte schon öfter im Leben gefährliche Erlebnisse, aus denen mich nur ein Schutzengel gerettet haben konnte. Jetzt aber bin ich sicher, dass er auch auf diesem Weg bei mir ist.

Mein Rucksack wird in der Folge allerdings sehr viel leichter: Mein bleischwerer Waschbeutel wird gestohlen. Zunächst bin ich geschockt. Aber schon am selben Abend bin ich direkt froh darüber. Wie viel leichter es sich doch wandert mit weniger Gewicht auf dem Rücken. Dann bringe ich noch einiges auf die Post, was auch nicht unbedingt nötig ist. Anschließend kaufe ich, was ich so brauche: Zahnbürste, Zahnpaste, Hautcreme, Kamm. Damit komme ich tadellos bis ans Ziel.

Auf der langen Wanderschaft erlebe ich, wie bescheidenst lebende Menschen unglaublich großzügig uns gegenüber sind. In den Weinbergen halten uns Arbeiter große Papiersäcke mit Weintrauben entgegen, weil "Wandern hungrig und durstig macht“. Ein Auto fährt mit geöffnetem Seitenfenster im Schritt-Tempo an uns vorbei und steckt uns frische Feigen in den Mund. Ein junger Wanderer gibt mir Pflaumen und Schokolade. Ein Herbergsvater stellt den eitrigen Fuß einer Wandergenossin in heißes Seifenwasser und kutschiert uns zum Gesundheitszentrum, wo die Behandlung auch wieder kostenlos ist. Die Menschen hier sind so oft einfach gütig. Was sie nicht mögen, sind Pilger, die nicht grüßen. Sie suchen das Gespräch mit uns. Dabei ist es so leicht, ihnen ein "hola“ oder "buenos días“ zuzurufen und sie wünschen uns dann gerne "buen camino“ und oft knüpfen sie einen kleinen Schwatz daran.

Eine Herberge bleibt mir ganz besonders gut im Gedächtnis, in dem kleinen Dorf Cacabelos. Schon als wir eintreten, werden wir mit einem wunderschönen Chopin-Klavierkonzert empfangen, und danach gibt es Beethoven, Mozart, Tschaikowsky. Der Herbergsvater ist ein majestätisch schöner spanischer Grande. Selbstverständlich spricht er auch deutsch, englisch und französisch und tut alles, damit wir uns bei ihm wohlfühlen. Diese Funktion wird freiwillig und kostenlos von Bürgern des jeweiligen Dorfes ausgeübt. Im Wohnzimmer steht ein ganz langer Esstisch und eine Küche gibt es auch. Deshalb beschließen wir, für einmal ein gemeinsames Abendessen zu organisieren: Spaghetti mit Tomatensauce! Aber es gibt im ganzen Dorf keine Spaghetti, nicht im Supermarkt – der ist überhaupt für 2 Wochen geschlossen – nicht in der ersten Bäckerei und in der zweiten auch nicht. Aber ich entdecke einen großen Sack mit Kartoffeln. Den schleppe ich an. Tomaten, Paprika, Zwiebel haben wir schon. Schlussendlich wird es eine herrliche Kartoffelsuppe. Mit uns wandert auch der Chefkoch eines kanadischen Grandhotels, der ihr noch den letzten Schliff gibt. Er hat witzigerweise einige Gewürze im Rucksack. Dann gibt es noch Käse, Brot und Obst und viel guten Rotwein. So besänftigt, werden alle Pilger leutselig und erzählen, weshalb sie auf dem Pilgerweg sind. Sehr viel Unglück bekomme ich da zu hören und Sorgen über Sorgen. Zweien meiner Tischnachbarn kann ich tatsächlich weiterhelfen. Spät abends im Bett sinniere ich, dass das Schicksal für dieses Mal vielleicht mir die Schutzengelfunktion zugewiesen hat. Geben und nehmen, so ist das Leben wohl gedacht.

Auf meinem weiteren Weg begegne ich so vielen interessanten und liebenswerten Menschen, dass ich diese Pilgerreise um nichts auf der Welt missen möchte. Ich wandere mit Mexikanern, Australiern, Neuseeländern, ja sogar Koreanern und Japanern. Auch halb Kanada scheint hier unterwegs zu sein. Zum Glück kann ich für viele als Übersetzerin einspringen. Das kommt auch mir sehr zu gute. Ich bin gefragt und eigentlich erlebe ich soviel Erfreuliches, wie in meinem ganzen vorherigen Leben nicht. Die letzte Etappe wandere ich mit einem spanischen Ehepaar meines Alters. Auch sie sind herzlich, fröhlich und großzügig. Beim Abschied müssen wir ein paar Tränen verdrücken. Im kommenden Jahr soll ich unbedingt nach Tarragona kommen, und das werde ich auch.

Santiago de Compostela ist ein Erlebnis für sich. Die riesige Kathedrale beeindruckt ungeheuer, daneben der wunderbare Parador, ein ehemaliges Königsschloss, die herrliche Plaza und all die vielen Kirchen, Paläste, Schlösser, die riesige Universität in so vielen Häusern. Bildung wird überhaupt sehr groß geschrieben. Für Schüler und Studenten wird hier sehr viel getan, so wie das bei uns früher einmal war.

Pilgern ist erstaunlich billig. Galicien, überhaupt ganz Nordspanien, scheint noch nicht so vom Kapitalismus zerfressen zu sein, jedenfalls nicht jene Menschen, denen ich begegnet bin. Sie scheinen noch das rechte Maß zu kennen.

In der letzten Woche schüttet es unaufhörlich, alles wird überschwemmt, vieles zerstört. Nur scheint das hier irgendwie zur Tagesordnung zu gehören. Regen vom Meer her ist hier oft eine Sintflut. Es wird unaufhörlich gepumpt, repariert, geholfen. Nicht umsonst baut jeder, der es sich irgendwie leisten kann, sein Haus aus Sandstein. Ziegel halten diese unablässige Nässe nicht lange aus. Für mich ist das wirklich wie das Diluvium. Doch hier fängt alle Tage alles von neuem an.

An meinem letzten Tag in Santiago ist der Himmel wieder blitzblank gefegt. Keine einzige Wolke. Die Sonne erwärmt alles in wenigen Stunden. Die Kathedrale erstrahlt in ungeahntem Glanz. In der Heiligen Messe erleben wir ein letztes Mal, wie der riesige "fumador“, ein an der Decke befestigter Weihrauchkessel, durch den ganzen Raum geschleudert wird. Die angelisch singende Nonne und die Baritone der vielen Priester erfüllen nochmals den Raum. Man geht ungern wieder zurück in die trockene Geschäftswelt unseres Alltags. Auf dem Weg zum Flughafen noch ein letzter Blick auf die alte Stadt, dann geht es via Palma die Mallorca wieder zurück in die Heimat.

Selten hat mir eine Reise soviel gegeben wie dieser lange Marsch durch Nordspanien und ich blicke mit Dankbarkeit zurück auf alles, was ich erleben durfte.

Therese Schwarz
Ω
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Anmerkung
. Jakobus der Ältere, Apostel. Herodes Agrippa I. ließ ihn 44 n. Chr. hinrichten.
Nach späteren Legenden ist er in Spanien begraben (Jakob von Compostela).
Das Grab entwickelte sich im Mittelalter neben Rom und Jerusalem zum dritten
Hauptziel der christlichen Pilgerfahrt.
. 1987 erklärte der Europarat den Weg zum ersten europäischen Kulturweg.
. In Europa gibt es Jakobswege außerdem in Portugal, Frankreich, Deutschland usw.

Weiterempfehlen Drucken Quelle: Therese Schwarz - Seniorkom Hobby Redakteurin

3 Kommentar(e)

flavius schrieb vor 1129 Tag(en) 1 Stunde(n) 30 Minute(n)

Pilgerweg

hallo theresia,

eine wunderbare beschreibung, die du uns da gegeben hast. sie hat mir einen gusto gemacht. ich werde mich mich von nun auf diese pilgerfahrt vorbereiten und noch in diesem spätsommer aufbrechen. damit verwirkliche ich auch eine alte sehnsucht, die jetzt von dieser wunderbaren beschreibung erfüllt wird. danke

susabey schrieb vor 1127 Tag(en) 17 Stunde(n) 22 Minute(n)

jakobsweg

toll, danke für diese wunderbare beschreibung deines erlebnisses.
war vor einiger zeit mit dem rucksack und drei anderen frauen 3 wochen in indien unterwegs. diese zeit hat mir viel gutes und leider auch gegenteiliges gebracht.
doch ich möchte diesen höhepunkt in meinem leben nicht missen.
den traum vom jakobsweg möcht ich auch gerne verwirklichen. muss aber noch die richtigen partner dazufinden, allein trau ich mir dies nicht zu.

alberisTochter schrieb vor 969 Tag(en) 14 Stunde(n) 25 Minute(n)

Jakobsweg

Danke für die schöne Beschreibung. Das möcht ich auch mal machen, diesen Weg ...
LG

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