Zwei Helden von Richard Loewe (risoe)

Wie doch die Zeit vergeht, anscheinend hat sie nichts Besseres zu tun. Und gleich mit dem Vergehen vergessen wir, was gewesen ist, und die Bilder verblassen immer mehr. Da gab es doch einen klugen Mann der sprach davon, dass es gar keine Zeit geben tut. So könnte man sagen, auch die alten Bilder sind wie neu. Wir müssen sie nur aus dem Dunkel der Erinnerung hervorholen, sie wieder zum Leben erwecken.
Das wieder auferstandene Bild mutet romantisch an. Da ist der
See, scheinbar frühmorgens, so wie er daliegt. Ein Weg mit Stufen
führt zu einem großen Haus, welches mehr einem Schloss ähnlich
sieht. Davor, dahinter, und rundherum allerhand exotische Gewächse
und so große Bäume dass sie beinahe über das Dach hinausblicken
können. Dorthin, wo sich ein hohes Gebirge so dahin zieht, mit
allerhand Wolken darüber. Mal sind sie schön weiß und türmen sich
auf, mal ziehen nebelhafte dunkle Gebilde über den Berg. Dann wird
es ganz still um den See.
Da gibt es die Geschichte vom Teufel der sich unter dem Gebirge
seine Höhlen eingerichtet hatte. Wenn man beim Aufsteigen auf den
Berg nicht sehr aufpasste dann landete man geschwind in einer
dieser Höhlen oder Höllen wie man sie auch noch nannte. Von dieser
Art Höllen soll es viele geben, und man kommt immer in jene, die
zur Missetat auch passen tut.
Ob der Besitzer des Schlosses auch in einer solchen Höhle gelandet
ist, wissen wir nicht, aber eines Tages musste er das Schloss
verlassen haben, denn seitdem hat man nichts mehr von ihm gehört
oder gesehen. Die anderen sagen, der Krieg hat ihn fortgetrieben.
So stand das Schloss noch lange leer herum. Eines Tages sind wir
eingezogen. Neben dem Schloss steht ein kleines Häuschen. Dort
wurden die Sachen untergebracht die man gerade nicht gebrauchen
konnte. Gut gebrauchen konnte man das Schwein, welches einen Raum
in dem Häuschen bewohnen durfte.
Alles was wir nicht essen konnten, wurde dem Schwein in den Trog
geworfen. Es hatte einen erstaunlichen Appetit. Der Stall war klein
und finster. So war es kein Wunder wenn es mit großer Freude und
mit aller Kraft ans Licht stürmte so bald sich auch nur ein wenig
die Türe öffnete. Und diese Türe öffnete sich öfter als dem
Hausvater lieb war. Er hatte mal eine schwere Krankheit gehabt
erzählte uns die Tante, und so hatte er ganz arg verbogene Beine
und konnte nur mit einem Stock dahinschlürfen.
So ist er dem Schwein gerade recht gekommen, und es warf ihn vor
lauter Freiheitsdrang einfach über den Haufen. Wir waren in der
Regel nicht weit vom Geschehen entfernt. So konnten wir dem
Hausvater wieder auf die Beine helfen. Zum Dank dafür gab es
umgehend ein paar kräftige Hiebe. Wesentlich länger dauerte es, bis
das herumtollende Schwein wieder im Stall gelandet war. Aber wir
konnten uns nach solchen Ausflügen ja wieder ausrasten. Man nennt
das auch Hausarrest.
Vom Fenster aus blickten wir so den ganzen lieben Tag über traurig
nach den Spielkameraden. Die vom Schwein aufgewühlte Wiese wollte
einfach nicht grün werden. Auch kein Wunder. Der Winter war gerade
aus dem Land gezogen. Den Hausarrest durften wir dort verbringen wo
ansonsten das Krankenzimmer war. Dort wurde in der kalten Zeit viel
gehustet und wir lagen mit roten Köpfen auf verschwitzten Polstern
herum.
Da saßen wir nun und dachten darüber nach wie wir uns am besten die
Zeit vertreiben könnten. Bleib du mal da, ich werde auf den
Dachboden gehen, sagte ich leise zu Lothar. Ja, aber pass auf. Ich
werde pfeifen wenn jemand kommen sollte. Da war ich nun nach dem
Stufensteigen, in der obersten Schatzkammer.
Die kriegerischen Gerätschaften, wie Morgenstern, Hellebarden und
andere Mordwerkzeuge, die da ganz vergessen herumlagen waren alle
fein zugesponnen und eingestaubt. Ein paar Fledermäuse lagen auch
immer mal herum, oder besser, sie waren schon Skelette. Eines
legten wir damals in Spiritus. Ein anderes gruben wir ein und
stellten uns vor darüber erwachse ein Schloss und darin treibe Graf
Dracula sein Unwesen.
Da war ich nun ganz alleine unter dem Dach, so im Halbdunkel. Mit
einmal ist mir allerhand eingefallen. Das Bild vom Ritter auf dem
Pferd, der seine gefallenen Feinde mit der Lanze durchbohrte, seine
schwarze Maske die er immer trug. Es kam mir vor als hörte ich
etwas. Woher wohl? Oder ist es eine Fledermaus die ich aufgeweckt
hatte, oder ein Vogel? Ich wollte mich beeilen und so nahm ich das
nächste was ich sehen konnte, um mal wieder nach unten zu
kommen.
Vorsichtig, auf leisen Sohlen stieg ich die Wendetreppe hinunter.
Lothar war erleichtert dass er seine hölzerne Pfeife nicht benutzen
musste. So schauten wir nach was ich da so erbeutet hatte. Es war
ein Buch. Wir entstaubten es vorsichtig. Auf dem dunklen Buchdeckel
stand hell gerahmt der Name "Robinson“. Ich werde mal
reinschauen sagte ich und verzog mich in eine Ecke des Zimmers. Ja
einverstanden, sagte Lothar. Aber dann komme ich dran.
Auf den ersten Bildern waren Männer in schönen alten Trachten zu
sehen, ein Schiff, hohe Wellen und dann wieder das Schiff,
scheinbar gekentert. Und daneben im Wasser ein Mann auf einem
Floss, vermutlich der einzige Überlebende. Das sind Bilder von
Kupferstichen sagte später jemand der sich damit auskennt. So wird
die Zeichnung mit einer Stahlnadel auf eine Kupferplatte geritzt um
davon mehrere Drucke machen zu können. Nach den ersten einfärbigen
Darstellungen kommen welche in Farbe.
Robinson Crusoe, so heißt der Mann auf dem Bild, durchstreift mit
einem Schirm ausgestattet, einem Hund an der Seite, eine üppig
bewachsene Insel. In den Bäumen mit den großen fächerförmigen
Blättern sitzen bunte Vögel. Ich höre sie, die Papageien, spüre
etwas von der heißen tropischen Luft. In der Nase hatte ich den
Geruch von Grün und unzähligen Blüten. So echt waren die
Bilder.
Auf der nächsten Seite ist eine dunkle Höhle zu sehen. Im
Hintergrund zwei glühende Augen. Ein wilder Bock hat sich in das
Dunkel zurückgezogen. Es wird wieder bunt und Robinson sitzt mit
einem Gewehr an der Seite, inmitten eines Hofes. Der Hof ist mit
Baumstämmen eingefasst, deren Enden scharf zugespitzt sind.
Scheinbar gilt es Feinde abzuwehren. Zu seinen Füßen rasten
seltsame Tiere.
Mit einmal taucht auf den Bildern ein zweiter Mann auf. Seine Haut
ist dunkel, beinahe schwarz. Freitag wird er genannt, so es
anscheinend ein Freitag war als ihn Robinson aus den Händen der
Kannibalen gerettet hatte. So geht es abenteuerlich weiter und am
Ende kommt die Heimreise. Der mittlerweile greise Vater schließt
den verlorenen Sohn in seine Arme.
Lothar holt mich wieder zurück in die Wirklichkeit. Er will nun
endlich auch mal in das Buch hineinsehen und nachlesen.
Aus den drei Tagen wurde eine spannende Zeit mit Lesen und
Nachdenken. Eine große Zukunft stand uns bevor. Wir brauchen ein
Boot sage ich wie zu mir selber. Wir könnten uns ein Floß bauen
meinte Lothar. Am Steg wurden einige Baumstämme angeschwemmt und
beim Hausvater habe ich eine Säge liegen gesehen.
Als wäre uns der Himmel wohl gesonnen kamen die ersten sonnigen
Tage. Der eine passte auf und der andere kletterte um die Säge,
dann bekam das Floß seine Form. Nägel und Stricke lagen auch herum.
Ein Ruder hatten wir schon.
So kam der Tag der großen Freiheit. Wir brachen auf um die nahen
und fernen Ufer zu erkunden. Wir brauchten all die Dinge die uns
noch aus dem Buch in Erinnerung waren. Etwas Proviant hatten wir
schon unter dem einfachen Sitz verstaut. Lothar war Freitag, Freund
und Gefährte. Er hatte einen Speer bei sich. Ich als Robinson trug
ein Messer am Gürtel. Eine Flinte wollten wir noch erbeuten.
Kannst du mal mit dem Fernrohr nach Feinden Ausschau halten sagte
Lothar und gab sich verwegen. Das tat ich. Außer dem Hausvater war
niemand am Ufer auszumachen.
Klar Schiff sagte ich, und wir segelten mit einer steifen Brise
außer Sichtweite. Wir waren ja mit der Zeit noch mitten im April
und so hatte es die Brise in sich.
Lass mich auch mal rudern sagte ich zu meinem Freund Freitag und
der übernahm den Ausguck. Die erste Landung war nicht so ergiebig
wie wir es erhofft hatten. Außer alten Flaschen, ein paar
Eisensteilen, konnten wir nicht viel erbeuten.
Wir stachen wieder in See, ruderten auf das offene Wasser hinaus
und vernahmen mit einmal verdächtige Geräusche, wie von einem
Motor. Wie kommt der in dieses unbekannte Gewässer fragten wir uns?
Ja sage ich zu Freitag, da hatte doch schon Jules Verne die
Vorstellung von einem Boot mit Antrieb. Das wird es sein.
Ich übernehme wieder den Ausguck und melde was ich sehe. Ein Boot
unbekannter Herkunft nähert sich mit hoher Geschwindigkeit. Wir
müssen mit einem Angriff rechnen.
Erwarte deine Befehle sagte Freitag und umklammerte entschlossen
den Speer. Noch bin ich am Ausguck und sehe das Boot
vorüberrauschen und der Pilot schien etwas erstaunt nach uns zu
blicken. Er flieht, rufe ich! Pass auf, ruft gleich darauf mein
Freund mit einmal aufgeregt, und mir fällt auf, dass er mich beim
richtigen Namen nennt.
Was ist los? Doch es ist zu spät. Die erste hohe Welle erwischt das
Boot an der Breitseite und wirft mich von Bord. Lothar klammert
sich an das Floß und bleibt oben.
Das Wasser ist noch eiskalt und so plage ich mich, um wieder rauf
zu kommen. Ohne sich umzusehen, rudern wir wie wild an das
Ufer.
Lothar ist zwar nicht so nass und ausgefroren, doch ziemlich blass
um die Nase. Was machen wir, das gibt diesmal eine saftige Strafe
sagt er. Gehen wir mal in das Bootshaus. Dort war es auch nicht
viel wärmer aber wir konnten nachdenken. Was schlägst du vor fragt
Lothar und wippt dabei von einem Bein auf das andere. Mir kommt ein
Gedanke. Wir erzählen eine Geschichte, sage ich. Welche? Ich bin am
Steg ausgerutscht und in den See gefallen und du hast mich
gerettet. Er sieht mich groß an und scheint so seine Zweifel zu
haben. Er muss nachdenken. Na gut, sagt er dann, probieren wir es
halt. Wir machen uns auf, das Floß zu tarnen.
Etwas stimmt da nicht fällt mir ein als ich Lothar in fast
trockenen Kleidern neben mir hergehen sah. Du musst auch noch in
das Wasser sage ich. Was? Ja, oder hast du schon mal einen
Lebensretter gesehen der mit trockenen Kleidern aus dem Wasser
gestiegen ist? So nahm Lothar auch ein Bad, im flachen Wasser. Der
Weg führte uns in die Küche und dort gab es die erste Aufregung und
etwas Warmes für den Bauch. Dann bekamen wir trockene Kleider und
die nassen landeten in der Waschkiste. Die Geschichte ist auch gut
angekommen.
So verging die Zeit, die Kirschen waren schon reif und die Schuhe
konnten im Schrank bleiben. Nur sonntags wurden sie wieder
hervorgeholt und die weißen Socken passten gut zu den
Matrosenanzügen. Die Mädchen hatten bunte Maschen an den Zöpfen und
strahlten vor lauter Freude um die Wette, sausten durch den Garten
und hüpften oft stundenlang in Vierecken herum. So konnte es nicht
ausbleiben dass die Buben den Mädchen neugierige Fragen stellten.
Aber dies ist ja wieder eine andere Geschichte.
Damals gab es noch den alten Turm am Haus mit einer Zinne obenauf.
Man erreichte sie durch eine schmale, steile Treppe. Der Platz auf
der Zinne war wie geschaffen für uns. Nicht einzusehen war er.
Außer dass hin und wider mal ein paar Schwäne über uns hinweg
geflogen waren. Wäre doch schön mit denen mitfliegen zu können
sagte ich, so wie damals der Nils. Der ist auf den Wildgänsen
geflogen, klärte mich Lothar auf.
Nicht weit vom Turm befand sich ein Rauchfang und dort stieg immer
zu der einen bestimmten Stunde blauer Rauch in den Himmel. Das war
unser Räucher-Ofen und so waren die Fische aus dem See schnell
durch, und die paar die sich nach unten davonmachten, konnten uns
die gute Laune auch nicht verderben. Der Rauchfangkehrer konnte
sich später wundern. Wir dachten bei diesen Delikatessen auch mal
zurück an die matschigen Fleckerln, die sich in das Sauerkraut
verirrt hatten, und an das Schwein im Stall.
Nachdem wir gestärkt waren gingen wir daran den Feind in der Tiefe
unter Feuer zu nehmen. Diesmal war es der Metzgermeister, der
gerade einen Ochsen aus dem Stall führte. Dort in einer Ecke des
Stalles, stand immer ein Fahrrad und dieses hatten wir uns öfters
ausgeliehen. So kam der Meister wieder einmal in den Stall und das
Fahrrad war nicht mehr an seinem Platz. Doch bald kehrte es dorthin
zurück und wir saßen wie nach einem Gewitter im Haus und träumten
davon eines Tages mit einer neuen Wundermaschine von Jules Verne
davoneilen zu können. Niemand würde uns dann aufhalten
können.
Der Herr Oberförster ging unten an der Strasse vorbei. Den
verschonten wir. Er war unser treuer Kunde, einfach zu nützlich mit
den Schillingen die er uns zukommen ließ. Dafür hatten wir am
Wasser zu tun. Frösche fangen. Dass die aus dem Teich des Herrn
Pfarrers stammten, störte an sich niemand, und dies bei Gelegenheit
zu beichten ist uns auch nicht in den Sinn gekommen.
So verging die Zeit. Es hätte ein Tag werden können wie viele
anderen auch. Aber er war es nicht. Wir hatten eine unruhige Nacht
hinter uns, geisterten mit unseren langen weißen Hemden durch die
Schlafräume. Als erster ist Lothar aufgestanden. Was ist los fragte
ich schlaftrunken. Es juckt mich so, sagte er. Nun juckte es mich
auch und ich machte mich mit den anderen daran das Übel zu suchen.
Es half nichts, am Morgen war die Nacht um. Es war Zeit zum
Hemdentauschen. Die Rede war von Juckpulver oder von etwas das sich
in der Hagebutte befindet. Gefunden haben wir nichts.
So mühten wir uns den Berg zur Schule hinauf und fielen in die
Bänke. Wir waren zu müde um auch noch zu lernen. Die Müdigkeit war
dahin als es energisch an der Klassentüre klopfte. Der Herr
Oberlehrer beeilte sich, um zu öffnen. Zwei Herren in feinen
Anzügen standen vor der Türe und wurden herein gebeten. Wir standen
auf, wie es sich gehörte. Mir war nicht recht wohl in der Haut.
Muss doch etwas sehr Wichtiges sein, dachte ich insgeheim, dass
zwei so große Herren aus der Stadt angereist kommen.
Befindet sich ein Schüler mit dem Namen Lothar M. in der Klasse
fragte einer der Herren. Der befand sich, und der Herr setzte seine
Rede fort. Der Schüler Lothar M. bekommt von Amts wegen eine
besondere Auszeichnung für sein tapferes und selbstloses Verhalten.
Lothar wird an die Tafel gebeten und der Herr neben dem Redner
überreicht ihm eine Lebensretter-Urkunde.
Wir staunen vorerst mal gehörig. Lothar verneigt sich vor den
Herren, bedankt sich einige Male, und stellt sich mit der Urkunde
in den Händen wieder gehorsam in die Reihe.
Mit zufriedenen Gesichtern verlassen die Herren wieder den
Klassenraum. Die Schule ist zu Ende an diesem Tag.
Wir gingen den Berg hinunter. Unter uns der See. So friedlich wie
er sich oft zeigte war er nicht immer, auch heute nicht. Er konnte
richtig wütend werden wenn es von Westen her so richtig
herangrollte. Ein wenig Gelb leuchtete aus den schwarzen Wolken.
Der heftig einsetzende Wind fegte uns die Haare aus der Stirn und
die Wellen schoben weiße Kronen vor sich her.
Freue dich doch, sagte ich so nebenbei zu Lothar, als wir
losrannten. Er gab mir einen Stoss. Angekommen stiegen wir auf die
"Zinne“. Zeig noch mal her sagte ich als wir uns
unterstellten. Wir bestaunten die Urkunde. In schönen Buchstaben
stand da alles geschrieben was sich so alles aus einer Geschichte
ergeben kann. Horch mal sagte ich zu Lothar, der noch immer ein
wenig trübsinnig und gelangweilt dreinblickte. Morgen gehen wir an
den See hinunter. Du musst einfach mal richtig schwimmen lernen und
dort in der Bootshütte kann dir niemand zusehen. So war es
auch.
Der Tag war schon ein Ferientag und es schien die Sonne freundlich
vom blitzblauen Himmel. Aus den Fenstern im Haus hörte man die
vertrauten Lieder. Die wurden angestimmt, wenn es etwas zu feiern
gab.
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Quelle: Richard Loewe (risoe), Scheibbs am
27.11.2011











