Brüder

Gewitterwolken

23.08.2007

Im Lauf der Jahre hatten wir uns sowohl im privaten wie auch im beruflichen Umfeld integriert. Die anfänglichen idealistischen Omnipotenz- und Weltverbesserungsgefühle hatten einer realistischen Berufseinstellung Platz gemacht und alles lief wie geplant in geordneten Bahnen ab. Was lag also näher, als sich einer weiteren Herausforderung des Lebens zu stellen: der Aufgabe, Kinder in die Welt zu setzen. Natürlich die klügsten, schönsten, liebenswertesten, kurzum die vollkommensten - wozu hatte ich schließlich jahrelang kluge Erziehungstheorien studiert.

Bei Sohn Nummer eins zeigten sich zwar gewisse Diskrepanzen zwischen theoretischem Wissen und Anwenderpraxis, doch bewegten sich diese Abweichungen in einem tolerierbaren Bereich. Schwieriger gestaltete sich schon die Entscheidung: besonders kluges Einzelkind oder Geschwisterkind mit gutem Sozialverhalten? In Hinblick auf Bevölkerungsdichte und nicht vermeidbare Sozialkontakte, entschieden wir uns für letzteres. Außerdem würde ein großer Bruder ergänzende Erziehungsaufgaben übernehmen und stets ein wachsames Auge auf die kleine Schwester werfen.

Dass es ein Mädchen sein würde, war für uns selbstverständlich. War nicht bisher auch alles unseren Vorstellungen entsprechend verlaufen? Und so geschah es, dass Sohn Nummer zwei von einer Impfkarte mit Aufschrift "Knabe“ durch seine Schulzeit begleitet wurde. Wir hatten vor seiner Geburt nur Mädchennamen ausgesucht.

Nach einem Moment der Verblüffung – nanu, ein Mädchen? – wandelte ich meine romantischen Vorstellungen a la "Brüderchen und Schwesterchen“ in ebenso zu Herzen gehende Bilder der Prinz-Eisenherz-Brüder um. Was hätte Frau Lindgren erst über die Bruderliebe meiner zwei schreiben können? Denn dass sie sich lieben würden, davon war ich überzeugt.

Die ersten Monate ließ sich auch alles sehr vielversprechend an. Unser Erstgeborener, gestärkt durch seine Rolle als großer Bruder, half stolz beim Kinderwagenschieben und Schnullersuchen, erzählte dem Winzling mit großer Begeisterung seine Kindergartenabenteuer und borgte ihm sogar gelegentlich eines seiner unzähligen Schmusetiere. Doch nach und nach machte sich leichte Skepsis breit. Einem "Was soll ich mit dem spielen?“ folgte der Alternativvorschlag im Spielzeuggeschäft "Kann ich meinen kleinen Bruder gegen das rote Kinderfahrrad eintauschen?“

So lange jedoch der Kleine, hinter den Gitterstäben seiner Wiege sicher verwahrt, die Kreise des Großen nicht weiter störte, lösten sich diese ersten Störungen der Bruderbeziehung schnell in Wohlgefallen auf. "Es kommt nur auf die richtige Erziehung an“, klopfte ich mir selbst auf die Schultern. "Schließlich ist der Mensch von Natur aus gut. Wie könnte sich in diesen unschuldigen Würmchen auch nur der geringste Hauch des Bösen breit machen?“

Doch kaum machte sich der Jüngste daran, auf wackeligen, aber eigenen Beinen seine Umwelt zu entdecken, kam es zu den ersten geschwisterlichen Kollisionen. Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem kleinen Bruder nicht gefällt. Ob kunstvolle Zeichnung oder geliebtes Märchenbuch – beides ließ sich von kleinen Pfoten vorzüglich zerreißen. Eisenbahnwaggons und Matchboxautos wurden zu gefährlichen Wurfgeschoßen umfunktioniert und Michaels Lieblingsteddy büßte erst die rote Masche und anschließend das linke Auge ein. Die größten Turbulenzen aber entwickelten sich bei komplizierten Lego-Konstruktionen, kunstvollen Turmbauten oder in stundenlanger Kleinarbeit aufgebauten Playmobil-Welten. Ein strahlendes "Da! Auch!“ kündigte das Angebot des jüngeren zur Mitarbeit an, Sekunden später ertönte ein triumphierendes "bumm macht!“ gefolgt von Wut- und Tränenausbrüchen des Baumeisters und jämmerlichem Geschrei des Attentäters.

Wie war das mit den unschuldigen Kindern in der Bibel? Oder steckte doch etwas Wahres hinter dem Dogma der viel diskutierten Erbsünde? Sollte ich mich lieber an den zahn- und zahllosen Aggressionstheorien der Psychologen orientieren?

Nach und nach führte der Anschauungsunterricht, der mir in unserem Kinderzimmer geboten wurde, zu gewissen Zweifeln. Zweifeln vor allem an den charakterlichen Eigenschaften meines ältesten Sohnes. Egal wann und wie oft ich, von kläglichem Weinen und wütendem Geschrei herbeigescheucht, ins Zimmer stürzte, bot sich mir stets dasselbe Bild: Ein herzzerreißend schluchzendes Kleinkind, das vorwurfsvoll auf den zornigen größeren Bruder deutete: "Michi macht!“ Natürlich ergoss sich das mütterliche Donnerwetter über den Ältesten und so wie Millionen armer älterer Brüder vor ihm hörte er das, von ebenso vielen Millionen geplagten älteren Brüdern verfluchte, "Du bist der Ältere! Du musst Rücksicht nehmen. Er ist doch noch so klein!“

Eigentlich wäre die Ungleichbehandlung noch lange weitergegangen, war ich doch felsenfest vom Wahrheitsgehalt dieser Zwei-Wort-Sätze überzeugt. Ein Kind, das noch nicht einmal der Sprache mächtig war, verfügte meiner Ansicht nach gar nicht über die kognitiven Fähigkeiten für eine Lüge.

Es war die vielgeschmähte Sauberkeitserziehung, die der Wahrheit zum Durchbruch, dem Gerechtigkeitsempfinden des älteren Bruders zur Bestätigung und einer naiven Mutter zu grundlegenden neuen Erkenntnissen verhalf. Als Oliver wieder einmal mit nasser Hose neben dem trockenen Topf auftauchte und mein mahnendes "Aber, Oliver!“ hörte, strahlte er mich an, zeigte auf das feuchte Corpus Delicti und erklärte im Brustton der Überzeugung "Michi macht!“

Nun sind Mütter ja von Natur aus vertrauensselig und ihren Jüngsten gegenüber besonders blauäugig. Ich bin da, weiß Gott, keine Ausnahme, aber was zu weit geht, geht zu weit. Dass der große Bruder dem kleine in die Hose macht, kann man nicht einmal mir erzählen. Von dieser Stunde an war es vorbei mit meiner Gutgläubigkeit. Von nun an würde Gerechtigkeit herrschen im Kinderzimmer, dafür würde ich schon sorgen.

Sollte ich noch erwähnen, dass ich erst mit diesem Beschluss einen nervenaufreibenden, jahrelang andauernden Kain und Abel Prozess in Gang setzte? Aber das wäre schon Stoff für eine weitere Bibelgeschichte aus dem Kinderzimmer.

Weiterempfehlen Drucken Quelle: Mag. Gabriele Eder - Seniorkom Hobby Redakteurin

3 Kommentar(e)

tarockbraut schrieb vor 1633 Tag(en) 15 Stunde(n) 34 Minute(n)

bruderliebe

so gehts in jeder familie zu

roto schrieb vor 1633 Tag(en) 14 Stunde(n) 52 Minute(n)

Kain und Abel

Wie einfach hätte das Leben doch sein können, hätte ich nur auch einen Bruder gehabt ("Roto II macht").
Ich gratuliere der exzellenten Reimerin Gabi, zu ihrem ersten erfrischenden Prosatext.
Freue mich auf deine nächste Geschichte. Gabi macht...

nordsee schrieb vor 1625 Tag(en) 16 Stunde(n) 0 Minute(n)

brüder

habe herzhaft gelacht,und habe meine Enkel verglichen bitte weitermachen

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