"Der rote Faden" Teil 4

03.08.2005
Lebenserinnerungen von Kurwenal (Harald Kraneis)
Zum Nachlesen:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Und dann war es eines Tages soweit. Am 4. Mai, dem Geburtstag
meiner Mutter, rasselten die englischen Panzer durch die Moislinger
Allee und hinter der Gardine versteckt, sah ich den ersten
Besatzungssoldaten – einen Farbigen.
Vorher bekamen wir als Lebensmittelzuteilung Butter und Zucker
in einer größeren Menge und dann wurde durch die Presse mitgeteilt,
dass die nächsten Lebensmittelkarten erst im August 45 ausgeteilt
werden würden. Die alte Ordnung gab es nicht mehr und eine
Plünderung von Geschäften und dem Güterbahnhof wurde von den
Engländern für 24 Stunden genehmigt, danach wurde scharf
geschossen. Außerdem gab es dann für längere Zeit abends und nachts
Ausgehverbot. Und plötzlich hatten wir keinen Strom mehr, das blieb
4 Monate so. Hinter unserem Haus waren Baracken, die jetzt von
Polen bewohnt wurden und sich zum Schwarzmarkt entwickelten, was
selbst den Engländern zuviel wurde, so dass Soldaten abgestellt
wurden. So hatte ich meine ersten Kontakte zur
Besatzungsmacht.
Was uns damals nicht bekannt war, war, dass meine Mutter zu einem
viertel Jüdin war. Ich hatte mich bis dahin immer nur gewundert,
wieso ich in der Schule immer solche Schwierigkeiten hatte. Eines
Tages fragte mich ein Besatzungssoldat, wo die Synagoge sei. Ich
bekam einen hochroten Kopf, doch der Soldat sagte, ich sei doch
selber Jude.
Da mir noch nicht bekannt war, dass meine Mutter jüdischer
Abstammung war, konnte ich nichts daraus machen. Obwohl ich gerne
Unterstützung gehabt hätte, um besser überleben zu können.
Über die Situation der damaligen Zeit ist soviel geschrieben
worden, deshalb möchte ich nur sagen, es war unheimlich schwierig
zu überleben, bis zur Währungsreform 1948. Unsere Wohnung war bis
zu dem Jahr weiterhin mit Flüchtlingen belegt, was immer wieder zu
großen Spannungen führte. Schon allein ums tägliche Brot.
Im November 1946 an einem Nachmittag klingelte es an der Tür und
ein Mann in einer POW-Kleidung (prisoner of war) ausgemergelt wie
wir alle stand davor. Ich erkannte in ihm sofort meinen Vater aber
sagte zu meiner Mutter: "Komm mal, da steht ein fremder Mann an der
Tür“, weil ich schon wusste, dass die angenehmen Tage ohne
unseren Vater nun vorbei waren. Und so war es auch. Für meine
Mutter begann nun eine schwere Zeit, da meinem Vater, ihre im Krieg
gewonnene Selbstständigkeit nicht gefiel. Aber trotzdem gelang es
unserem Vater, etwas mehr Lebensmittel zu beschaffen.
Und so kam das Jahr 1948 heran und mit ihm die berühmte
Währungsreform. Ich verließ die Schule und begann im Herbst in
einem Lübecker Betrieb eine Lehre als Schriftsetzer. In einem
Schlagerlied hieß es: Mit 17 fängt das Leben an. Und ich merkte mit
17, dass ich Mann wurde. Und ich merkte plötzlich, dass ich sexuell
anders gepolt war und ein Besatzungssoldat führte mich einige Zeit
später in die gleichgeschlechtliche Liebe ein. Vorher war mir immer
schon aufgefallen, dass ich mich für Männer interessierte. Und
diese Neigung hat leider mein ganzes späteres Leben beherrscht und
bestimmt, weil ich mich immer danach sehnte, mein Leben mit einem
anderen Mann zu verbringen. Es hat mich immer belastet. Erst im
hohen Alter von 73 Jahren lernte ich eine Frau kennen mit der ich
auf einer Wellenlinie lag, allerdings nur als Brieffreundin.
Durch meine feminine Art hatte ich in meinem ganzen späteren Leben
sehr viele Schwierigkeiten, von denen ich später noch ausführlich
berichten werde.
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fünften Teil
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Quelle: Kurwenal - Seniorkom Hobby Redakteur












